„Was entgegene ich einem Argument, das schon tot ist?“ – Falk Richters „Fear“ an der Berliner Schaubühne

„was entgegne ich einem argument, das bereits tot ist, wie rede ich mit einem menschen, der nicht zugänglich ist für rationale gedanken, wie schaffe ich etwas aus der welt, das bereits tot ist, aber wieder auferstanden ist, wie schaffe ich das?“

Aus: „Fear“ von Falk Richter, Schaubühne Berlin

Ja, man muss darüber reden. Man muss sich damit auseinandersetzen. Man muss die Ängste dieser Menschen ernst nehmen, darf diese Menschen nicht ausgrenzen, muss versuchen, sich in sie hineinzuversetzen. Man muss argumentieren, aufklären, Fakten präsentieren, muss versuchen die Dinge in Relation zu setzen.

 

Foto: Arno Declair
Foto: Arno Declair

Wir alle tun das. Wir sind die anderen. Wir reden, wir hören zu. Wir versuchen, zu überzeugen. Immer wieder. Auch wenn es weh tut.

Aber irgendwann ist auch mal Schuss.

Irgendwann können und wollen wir sie nicht mehr aushalten. Diese Dummheit, diese Ignoranz, diesen Hass. Irgendwann wollen wir raus aus dieser Endlostalkshow, dem ritualisierten Rücksichtnehmen auf die Sorgen der Besorgten, die  man ja mitnehmen muss in einer Gesellschaft. Irgendwann wollen wir sie einfach liegen lassen. Einfach zurückbrüllen. Ihnen zurufen: Ihr habt einfach nicht recht! Es gibt keine Bildungspläne, die Eure Kinder frühsexualisieren wollen! Homosexualität ist nicht ansteckend!

In „Fear“,  Falk Richters neuem Theaterstück passiert das. Es wird zurückgebrüllt. Nicht nur, aber auch. Natürlich gibt es auch das andere, das Dokumentarische, Analytische: Wie schon „Small Town Boy“ ist „Fear“ auch eine Stoffsammlung der Echtzeit. Akif Pirinçci, Frauke Petry, Beatrix von Storch, Gabriele Kuby: Richter lässt sie sie alle antanzen, die neuen „Untoten“, zeigt, wie sehr sich der Fremden- und Flüchtlingshass verbindet mit Antifeminismus, Homophobie und dem Kampf gegen neue Familienmodelle.

Richter führt diese Leute vor, vor allem, weil er sie selbst zu Wort kommen lässt. Aber er belässt es nicht dabei, sie zu demaskieren, natürlich nicht, das wäre ja auch albern, Richter weiß, dass er in der Schaubühne niemand überzeugen muss. Doch anders als Günther Jauch lässt sie er sie nicht so einfach davonlaufen. Er hält sie fest, legt sie unter ein Vergrößerungsglas. Er zwingt uns, uns ihre ganze Hässlichkeit anzuschauen, die Gefährlichkeit ihrer Hetze. Nicht nur im übertragenen Sinn, sondern auch ganz in Echt werden Eva Herrmann und Horst Seehofer zu den Monstern, die sie sind.

Das ist einfach, das ist plakativ. Das bedient unseren Gutmenschenreflex, einen Reflex, den Richter natürlich gleichzeitig wieder karikiert, aber doch auch wieder stehen lässt. Wir sind ja wirklich die anderen: Keine besseren Menschen, vielleicht nicht mal gut. Aber zumindest welche, die keine Fremden anpöbeln und Schwule dafür beklatschen, dass sie nicht schwul sein wollen.

Der wahre Selbstvergewisserungstrip des Stück besteht nicht darin, sich besser fühlen zu dürfen, es besser zu wissen. Sondern aus dem Gegenteil. Es gibt kein Gegenargument zu einem Argument, das schon tot ist. Der Kampf gegen Untote ist nicht fair. Wir müssen ihn trotzdem führen. Leute, geht in dieses Stück!♦

„Fear“, ein Stück von Falk Richter, wurde am 25. Oktober 2015 an der Berliner Schaubühne uraufgeführt.

Hier alle weiteren Termine.

Nollendorfblog zu Falk Richters Stück  „Small Town Boy“.

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Kommentar fuer “„Was entgegene ich einem Argument, das schon tot ist?“ – Falk Richters „Fear“ an der Berliner Schaubühne

  1. Dieses Stück gibt einem Reflex nach, den Sie, Herr Kram, vollkommen korrekt auf den Punkt bringen: endlich mal zurückbrüllen dürfen. Wow. Sehr befreiend.

    Doch wie armselig ist es, sich auf das Niveau des Stückes und das Niveau unserer antimodernen Gegner einzulassen! Das Stück weiß doch allen Ernstes (oder wie muss ich das verstehen?!) über Beate Tschäpe oder Beatrix von Storch zu kritisieren, sie seien hässlich. Jawohl. So „argumentiert“ das Stück: mit der Äußerlichkeit der Protagonistinnen des neuen Rechtsrucks. Geht’s noch? Welche Instinkte sollen hier befriedigt werden? Welche Klischees werden hier bedient: Die des Schwulen, der nur wert legt auf das schöne Äußere und auf die Frauen herabblickt, die sich offensichtlich nicht attraktiv-feminin kleiden und darstellen.
    Ich habe fast schon Mitleid mit den Damen bekommen. Sicher nicht das Ziel des Stücks…

    Leute, nutzt die Zeit sinnvoller!

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