„Homophobie für alle!“ – Ein Volksbildungskurs mit Matthias Matussek

Haben Sie keine Angst vor der Homophobie!

Ja, früher galt Homophobie als dumm. Aber die Zeiten ändern sich. Alles, was Sie brauchen ist ein gesunder Menschenverstand. Der Rest ist Handwerk. Und das lässt sich lernen!

Homophobie funktioniert wie ein schlechter Horrorfilm. Man glaubt immer zu wissen, was gleich kommt, und das Unglaubliche ist, dass es dann auch so kommt. Die Faszination liegt in der unbeirrbaren Vorhersehbarkeit. Man denkt: Das können die doch jetzt nicht machen!

Doch. Können sie.

Sandra Maischberger hat gerade einen Horrorfilm gedreht. Im übertragenen Sinne, natürlich! Man wirft ihr vor, dass sie ihre “Hauptfiguren” nicht besonders, sagen wir mal, “differenziert” angelegt hat. Aber wer so was behauptet, hat natürlich keine Ahnung. Dass Maischberger in Sachen Homophobie alles richtig gemacht hat, dass ihr ein regelrechter Coup gelungen ist, erkennt man alleine schon an der Zahl derer, die auf der neuen Welle mitschwimmen wollen.

Die größten Hoffnungen, eine der Ikonen der Bewegung zu werden, darf sich der Autor Matthias Matussek machen, der nur wenige Stunden nach Maischbergers schwarzer Messe bereits einen Text präsentierte, den man als Befreiungsschlag für das unter den Fesseln des Zeitgeistes leidende Bürgertum verstehen darf.

Es ist das das Manifest einer „Homophobie Nouvelle“.  Ja, wäre man er selbst (wäre man also befähigt zu intellektuellem Pathos) könnte man sagen, dass dort nicht weniger als der Entwurf eines neuen Gesellschaftsvertrages geschrieben steht: Homo-Hass mit menschlichem Antlitz!

Doch Handlungsaufforderungen in historisch bedeutenden Manifesten haben oft ein Problem: Sie drohen unter der Last der dort formulierten gewichtigen Ideen und Gedanken erdrückt zu werden. Die Rethorik des matussekschen Homophobismus bedarf also einer allgemeinverständlichen Handreichung. Die gute Nachricht: Während die BILD-Zeitung noch daran arbeitet, sind wir schon so weit!

Haben auch Sie es satt, immer nur am Stammtisch rumzupöbeln? Kein Problem! Werden auch Sie ein „Homphob Nouvel“, ein Homo-Feind mit Matussek!

Und für alle die, die sich jetzt Gedanken über richtiges und falsches Französisch machen, gibt es schon mal eine Lektion vorab: Wenn Sie schon bei so was anfangen, kleinlich zu werden, werden Sie es nie schaffen. Also, denken Sie nicht darüber nach, ob etwas richtig ist oder nicht. Vertrauen Sie Ihrem Gefühl!

Los geht’s. Das Nollendorfblog erklärt Ihnen das Manifest des Meisters und verrät Ihnen seine besten Tricks!

Der Matussek Trick Nr 1: „Keine Tarnung ist die beste Tarnung“

Das Wichtigste zuerst: Ein richtiger Homofeind muss natürlich abstreiten, dass er ein Homofeind ist. Das Problem hierbei ist jedoch das sogenannte „Antibiotika-Schlamassel“: Die Strategie des Abstreitens wurde schon so oft verwendet, dass sie sich mittlerweile herumgesprochen hat und deshalb oft nichts mehr bringt. Matussek macht es also genau anders herum, und das – Verwirrung total! – schon in der Überschrift:

Ich bin wohl homophob. Und das ist auch gut so

Haben Sie es gemerkt? Während handelsübliche Homophobiker versuchen, ihre Homophobie mehr schlecht als recht in rhetorischen Fragen zu verstecken, nutzt Matussek das weitaus raffinierte Mittel der „rhetorischen Selbstbezichtigung“. Dabei kommt ihm sein einzigartiger Zugang zur Welt der Literatur zugute. Ahnung von Literatur zu haben ist das eine. Die richtigen Schlüsse aus ihr ziehen zu können, das andere. Die „Keine Tarnung ist die beste Tarnung“ – Finte hat sich Matussek nämlich geliehen:

„Scherz ist die drittbeste Tarnung. Die zweitbeste: Sentimentalität. Aber die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit.“

ist ein Zitat aus „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch. Man kann Matussek sicherlich einiges vorwerfen. Aber wohl kaum, dass er nicht deutlich macht, auf welcher Seite des Dramas er stehen möchte.

Weiter geht´s:

Der Matussek Trick Nr 2: Die „Blinden-Falle“

Der Teaser beginnt:

Wer nicht begeistert über Schwule spricht, ist gleich ein Schwulenhasser.

Eine „Blinden-Falle“ ist eine Falle, die so offensichtlich ist, dass sie selbst ein Blinder sieht. Natürlich hat niemand  je irgendjemandem, der nicht begeistert über Schwule spricht,  vorgeworfen ein ein Schwulenhasser zu sein. Der einzige Grund, einen solchen Blödsinn zu behaupten ist die Zerstörung aller zum Thema zugehörigen Sinnzusammenhänge. Und die einzige nachvollziehbare Motivation für diese Zerstörung besteht darin, selber ein Schwulenhasser zu sein.

So weit, so logisch. Doch Matusseks Kalkül ist es, dass man ihm genau dies vorwirft. Denn seine Aussage ist eine Gaga-Aussage, die es leicht macht, die, die sich an ihr reiben, selbst für Gaga zu erklären. Ich bin sicher, Matussek wartet darauf. Ein Shit-Storm mit Ansage. Quod erat demonstrandum: „Siehst Du, spricht man einmal nicht begeistert über Schwule ist man schon ein Schwulenhasser!“

Man kann eine „Blinden-Falle“ ignorieren. Aber zerstören kann man sie nur, wenn man in sie hineinspringt: Matussek ist ein Schwulenhasser!

Der Matussek Trick Nr 3: „Irgendwas mit Auschwitz“

Martin Walser hat das Prinzip der „Auschwitz Keule“ erfunden, und ist dafür geprügelt worden. Matussek hat daraus gelernt. Sein Konzept ist eher das einer Schrotflinte:

Mittlerweile hat Homophobie dem Antisemitismus als schlimmste ideologische Sünde den Rang streitig gemacht.

Hm. Vielleicht ist dieser Satz ja zur Exegese durch spätere Generationen gedacht. Doch, was könnte er bedeuten? Dass die Homos den Juden Auschwitz streitig machen wollen? Sollen sich die Homos nicht so anstellen? Oder die Juden? Sollten die sich vielleicht sogar freuen? Will er sagen, dass es da einen Zusammenhang gibt mit der Verfolgung der Juden und den Homosexuellen? Oder eben nicht? Oder will er sagen, dass die Homos jetzt nicht den selben Fehler machen sollten, den die Juden schon gemacht haben? Nämlich dass sie durch den Aufbau einer „Ideologie“ selbst dafür verantwortlich sind, dass man sie hasst?

Sehen Sie: Matussek sagt es nicht. Er braucht es auch nicht. Man versteht auch so, was er meint. Irgendwas mit Auschwitz geht immer. Das ist so wie mit schlechtem Französisch.

Der Matussek Trick Nr 4: „Gefühle? Fuck you, Gefühle!“

Der Artikel beginnt. Wir spulen etwas vor. Dann …

In der Maischberger-Runde sprach ein Familienvater über seine Idealvorstellung einer Verbindung: Mann, Frau, Kinder, das klassische Modell, und die gute Sandra fragte besorgt: „Sind Sie nicht der Meinung, dass diese Aussage für Schwule kränkend sein könnte?“

Darauf entfuhr es meinem Freund: „Wahrscheinlich darf ich jetzt auch in Gegenwart eines Rollstuhlfahrers nicht mehr von meinem Wanderurlaub erzählen, weil das kränkend sein könnte.“ Nicht, dass er je so taktlos wäre, das zu tun. Aber, Sie verstehen, im Analogieschluss hatte er Homosexualität zu einem Handicap erklärt. Zu einer defizitären Form der Liebe.

Achtung. Nein, Matussek hat – auch nicht in einem „umgekehrten Umkehrschluss“ – Homosexuelle NICHT mit Behinderten verglichen. Das wäre ja auch Old School.

Nein, was er hier erzeugt, ist etwas viel Größeres, etwas, was es so noch nicht gegeben hat. Es ist, ganz in der Tradition eines Manifestes, eine neue Dialektik, ein Konstrukt von Schlüssen und Umkehrschlüssen für einen Bereich, dessen man bisher dachte mit solchen Kategorien nicht habhaft werden zu können: Es geht um den Bereich der Gefühle.

Bisher gab es da so etwas wie einen zivilisatorischen Konsens, der darauf beruhte, dass Menschen die Gefühle anderer Menschen möglich nicht verletzen sollten. Dieser Konsens wurde getragen von der Fähigkeit und der Bereitschaft zur Empathie, manche nennen es Herzensbildung, es geht darum zu versuchen, jeden Menschen in seiner Situation verstehen zu können. Natürlich handelt es sich dabei um ein Ideal, das so nie erreicht werden kann.

Matussek setzt diesem Ideal ein anderes Konzept entgegen:

Wie in einer mathematischen Gleichung ersetzt er Variabeln durch Konstante (nicht über Mathematik nachdenken jetzt!), ob Gefühle tatsächlich verletzt werden ist so lange irrelevant, bis nicht nachgewiesen ist, dass sie es (bewiesen durch die aus Schlüssen und Umkehrschlüssen gebildeten Formeln) auch können.

Das war jetzt doch etwas kompliziert?

Dann werden wir die Lektion für heute erstmal beenden.

Und am Schluss gibt es noch ein Leckerli. Einen Homophobie-Trick, den Sie schon lange kennen, und von dem Sie vielleicht dachten, er sei nicht mehr en vogue. Aber dank Matussek können wir uns zurück lehnen.

Denn, es gibt, ihn noch:

Der Matussek Trick Nr 5: Der Klassiker: „Viele meiner besten Freunde sind schwul.“

Er funktioniert immer. Denn selbst, wenn er nicht funktioniert, funktioniert er trotzdem. Weil dann nicht Sie daran Schuld sind. Sondern die Inquistion. Ja, wirklich! Sie sind ein Opfer die Inquisition! Und etwas Besseres kann einem als Schwulenhasser nicht passieren!

Doch lesen Sie selbst:

Sie (Birgit Kelle, die Red.) dachte wohl in der Sendung, sie sei vom Eis, nachdem sie gleich eingangs betont hatte, dass sie schwule Freunde habe, und dass sie selbstverständlich nichts gegen Schwule habe, dass sie sie tolerieren würde, aber Sandra Maischbergers Spürsinn entging nicht die Verhaltenheit, ja eine gewisse innere emotional-affektive Reserve, die in eine dunkleren Seelenspalte eventuell homophobes Material versteckte vor den Suchscheinwerfern der öffentlich-rechtlichen Inquisition.

Ja, so einfach geht das.

Sie denken: Das können die doch jetzt so nicht machen!

Doch. Können sie. ♦

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15 “Kommentare ”

  1. Herr Matussek sind Sie in der Lage zu denken? Sind homophobe Menschen und das sind Sie , in der Lage zu denken? Homosexualität ist nicht Heterosexualität , deshalb können homosexuelle Menschen auch nicht Kinder wie heterosexuelle Menschen zeugen. Zeugungsunfähig sind homosexuelle Menschen aber noch lange nicht. Natürlich können homosexuelle Menschen und Paare auf natürliche Weise Kinder zeugen.Männliche homosexuelle Paare , können sich mit einem weiblichen homosexuellen Paar zusammentun und Kinder zeugen und das auch ohne Geschlechtsverkehr und auch in einem Haushalt wohnen. So wie es in den Niederlanden schon lange rechtlich auch geregelt ist(Queer-Families) .Vielleicht sind Sie auch so ungebildet oder defizitär ausgestattet , dass Sie nicht begreifen können , dass Liebe nichts mit Beziehung,Sex,Ehe ,Fortpflanzung zu tun hat . Nur weil man in jmd. verliebt ist , bedeutet das, dass daraus auch eine Bezihung wird. Oftmals ist man verliebt und derjenige den man liebt , möchte einen nicht. Also Liebe ist durchaus ein eigenständiges Gefühl , dass nichts mit Beziehung, Sex und Fortpflanzung zu tun hat . Dasselbe gilt für Sex. Es gibt viele Menschen , die Sex mit jmd. haben , ohne diesen zu Lieben od. zu kennen ,Sexbeziehungen die verantwortlich geführt werden. Also dasselbe gilt auch für Sex und Fortpflanzung , beides hat biologisch nichts mit Liebe oder Beziehung oder einer Ehe zu tun. Lieben Sie Ihre Partnerin , weil Sie Kinder mit Ihr zeugen können ?Was wäre wenn diese keine Kinder zeugen will/könnte , würden Sie Ihre Partnerin dann nicht mehr Lieben? Führen Sie eine Beziehung, weil Sie sich mit Ihrer Partnerin fortpflanzen können oder weil Sie mit Ihrer Partnerin ein ganzes Leben lang zusammen sein wollen?Ich denke mal Sie führen keine Beziehung mit Ihrer Partnerin ,weil Sie sich mit Ihr fortpflanzen können ?Deshalb , weil alle diese Dinge (Sex,Liebe,Fortpflanzung, Beziehung) nichts miteinander zu tun haben (medizinisch , biologisch) können sich homosexuelle Menschen /Paare durchaus auf natürliche Weise fortpflanzen , ganz ohne Sex. Menschen in einer homosexuellen Partnerschaft ,können sich nicht untereinander fortpflanzen , aber das muss man ja auch nicht . Es gibt ja homosexuelle Männer &Frauen , homosexuelle Männerpaare und Frauenpaare .Weil sich Mann und Frau miteinander fortpflanzen können , bedeutet das aber noch lange nicht,dass diese zusammenghören , sich lieben sollen /müssen oder perfekter sind oder höherwertiger. Wie bereits erklärt,Sex,Liebe, Fortpflanzung ,Beziehung haben nichts miteinander zu tun. Deshalb gehört an auch nicht zu jmd. wel man sich mit ihm fortpflanzen kann. Sie wollen doch nicht ersnthaft behaupten Sie und Ihre Frau gehören zusammen , weil Sie sich miteinander fortpflanzen können .Ist das der Grund weshalb Sie und Ihre Frau zusammen sind, sich lieben , in einer Beziehung miteinander leben , Sex miteinander haben?Wegen Fortpflanzung? Fortpflanzung können Sie auch so machen , dazu benötigen Sie keine Liebe, Beziehung , Ehe dazu! Und das ist ein biologischer, medizinischer Fakt! Und JA es sollte endlich strafbar sein , wenn Menschen wie Sie behaupten homosexuelle Menschen seien defizitäre, weil diese sich angeblich nicht auf natürliche Weise fortpflanzen könnten! Das ist eine so große unverschämte Lüge , dass ist so wie wenn man den Holocaust leugnen würde, wenn man behauptet homosexuelle Menschen könnten sich nicht auf natürliche Weise fortpfanzen. Mit solchen Sprüchen und dummen Argumenten machen Sie noch Stimmung! Es ist kein Wunder, dass viele Menschen denken, Homophobie sei eine Krankheit, denn Sie sehen ja selbst , dass man Leuten wie Ihnen 100 000 mal erklären kann , weshalb homosexuelle Menschen sich fortpflanzen können und trotzdem wiederholen Menschen wie Sie , ständig solche Kommentare wie homosexuelle Menschen seien nicht in der Lage sich forzupflanzen oder die Welt würde aussterben , wenn es nur homosexuelle Menschen gäbe ! Jemand der den Holocaust leugnet und leugnet das sich homosexuelle Menschen nicht fortpflanzen können , gehören angezeigt und bestraft! Sie können behaupten homosexuelle Menschen können sich nicht wie Mann+Frau-Paare fortpflanzen , aber nicht das homosexuelle Menschen fortpflanzungsunfähig wären. Homosexualität ist nicht wie Heterosexualität , trotzdem haben sich homosexuelle Paare diesselben Rechte verdient. Denn homosexuelle Paare tun dasselbe wie heterosexuelle Paare , heiraten aus dem selben Grund wie Heteros , zeugen Kinder (aber eben anders (Queer Families in den Niedelrlanden rechtlich erlaubt!),adoptieren aus demselben Grund wie Heteros, obwohl man auch selbst in der Lage ist Kinder zu zeugen .Das tun ja Mann+Frau-Paare auch. Man adoptiert Kinder ,obwohl an selbst welche zeugen kann.

  2. Offener Brief an Matthias Matussek

    Der „Niedergang“ des einstigen SPIEGEL-Schreibers Matthias Matussek, ein wehmütiger und polemischer „Nachruf“ auf ein journalistisches Ausnahmetalent

    Warum dieser Text?
    Vielleicht lässt er sich mit einem Matussek-Zitat am besten erklären. Mattussek: „Ich bin so leidenschaftlich katholisch (…) weil mein Verein angegriffen wird.“

    Nun bin ich zwar in keinem homosexuellen „Verein“, fühle mich jedoch, als politisch und gesellschaftlich engagierter schwuler Mann, durch wiederholte Texte des (jetzigen Axel Springer-) Schreibers Mattias Matussek, die er zu den Themen Homosexualität, schwule und lesbische Lebenspartnerschaften und Homophobie verfasst, zur Gegenrede animiert.

    Sicher würde ich mir diese Mühe gar nicht machen, wenn es sich bei Matussek um einen „schon immer notorischen Reaktionär oder Religioten handeln würde“, denn solche – früh politisch „fehlgeprägten“ – Zeitgenossen sind meist hoffnungslose Fälle.

    Es war die Zeit, als ich den SPIEGEL (Printausgabe) noch las und regelmäßig kaufte, da fielen mir die brillanten Texte von Matthias Matussek auf und ich las sie mit großem Gewinn und Vergnügen. Matussek berichtete damals oft aus dem Ausland, in dem er sich beruflich aufhielt.

    Dann kam die (‚erste‘) rot-grüne Bundesregierung ins Amt und plötzlich las ich von Matussek im SPIEGEL ganz andere Töne. Da äußerte er, in fast „paranoider Angst“, Befürchtungen die von SPD und Grünen thematisierte Unterstützung auch von „modernen“ Familien“, wie lesbischen und schwulen Lebenspartnerschaften mit und ohne Kinder, von Patchwork- und Regenbogenfamilien und alleinerziehenden Müttern und Vätern, sowie unehelich geborenen Kindern, könne die traditionelle Familienkonstruktion aus Papa-Mama-Kind(ern) schwächen.

    Ich habe damals, irritiert und auch ein wenig empört, in Leserbriefen an den SPIEGEL (teilweise wurden sie abgedruckt) versucht zu erklären, dass niemandem etwas genommen wird, wenn bestehende Diskriminierungen beseitigt werden.

    Von Matussek las ich dann immer weniger und wenn mir doch einmal ein Artikel oder eine Kolumne von ihm auffiel, erfüllten mich die zunehmend „abstruser und abwegiger“ konstruierten Ängste des Autors vor einem befürchteten „Zerfall der bürgerlichen, abendländischen Gesellschaft und Kultur“ mit Scham. Matussek wurde peinlich.

    Als er dann schließlich auch noch als „katholischer Hardliner und Fundamentalist“ in diversen Talkshows und Artikeln in Erscheinung trat, der sich in einer moderneren und offeneren Gesellschaft (als vermeintlich heterosexueller Mann) offenkundig zunehmend verunsichert fühlte, fragte ich mich was in den Mann gefahren sein könnte, woher sein „Verfolgungswahn“ und die Angst vor dem Verlust von unverdient genossenen Privilegien, die ihm ohnehin niemand nehmen wollte, stammt.

    Es wurde immer peinlicher; Matussek verteidigte jetzt auch noch die „gutbürgerliche deutsche Küche“, mit ihren kalorienreichen, fetten Saucen, mit Schweinebraten, Kartoffeln/Klößen usw. (die im darbenden Nachkriegsdeutschland, das Hungerjahre zu kompensieren hatte, sicher ihre Berechtigung hatte) und die seine Ehefrau angeblich „so vortrefflich beherrschte“. Matussek trat auf, als wären „die Deutschen“ noch immer abgemagerte, aus russischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrte, Hungerhaken. Dabei hatte längst fast jeder zweite Deutsche Übergewicht.

    Die Auftritte Matusseks in den unzähligen Talkshows, die damals von ihm „heimgesucht“ wurden, zeigten einen stark übergewichtigen Matthias Matussek, dessen fetter Bauch über die Hose quoll, der kaum noch gerade sitzen konnte und dessen Jackett sich nicht mehr schließen ließ. Damals begann mir der Mann, dessen Texte ich einst so gern gelesen hatte, aufrichtig leid zu tun. Offenbar hatte er inzwischen jedes Maß verloren und das drückte sich auch in seinen unkontrollierten Essgewohnheiten aus.

    Was der Mann damals zu Themen, wie Katholizismus, Familie, Ehe und Eingetragene Lebenspartnerschaft von sich gab, „hätte auch genauso gut von reaktionären ‚Ewig Gestrigen‘ stammen können. Es waren unqualifizierte und haltlose Tiraden gegen jede gesellschaftliche Veränderung und Erneuerung“. Was war bloß aus dem Mann geworden?

    Offenbar wurde nun auch dem SPIEGEL sein einstiger Vorzeige-Journalist zunehmend peinlich. Matussek durfte zwar noch seine Kolumnen schreiben, war aber ansonsten von Verlag und Redaktion wohl schon „unter: ‚ferner liefen …‘ aussortiert“ worden.

    Als sich, nach Jahrzehnten der Unterdrückung, schwule und lesbische Menschen in den USA, Europa – und speziell auch in Deutschland – stärker engagierten und organisierten, um für ihre Menschenrechte zu kämpfen und sich für die Abschaffung, immer noch bestehender, Diskriminierungen und rechtlicher Benachteiligungen einzusetzen, fühlte sich der katholische und die heterosexuelle Ehe verherrlichende Journalist, offenbar persönlich bedroht. Er äußerte sich nun (gelegentlich unfreiwillig komisch, weil ihm seine Ironie nicht wirklich gelang) zu der „drohenden Dominanz“ der homosexuellen Minderheit, die (wie die, von Antisemiten zusammen fantasierte, „jüdische Weltverschwörung“, die die Weltherrschaft anstrebe), angeblich „jede Meinungsäußerung der heterosexuellen Mehrheit“, mit Hilfe der Politically Correctness und dem Vorwurf der Homophobie unterdrücken wolle (nur zur Erinnerung, es handelt sich dabei um etwa 90 – 95 % Heterosexuelle, die angeblich von 5 – 10 % Homosexuellen „unterdrückt“ zu werden drohen :-))) )

    Ein weiterer Tiefpunkt der peinlichen „Selbstdemontage“ Matusseks war im Jahre 2013 sein Auftritt in der „Krömer Late Night Show“. Matthias Matussek wurde vom Brachial-Komiker und notorischen Spaßvogel Kurt Krömer einem Millionenpublikum als schwitzendes und teilweise „hilflos stammelndes“ Objekt von Spott und Häme vorgeführt. Matussek versuchte, nach der Aufzeichnung, vergeblich die Ausstrahlung der Sendung zu verhindern.

    Jüngster homophober Ausfall, dessen vorgebliche Ironie erneut gründlich misslang, ist das – vom Autor offenbar als witzig empfundene – Bekenntnis Matusseks: „Er sei homophob – und das sei auch gut so“ in der Axel Springer Zeitung ‚Welt’ (siehe Link) http://www.welt.de/debatte/kommentare/article124792188/Ich-bin-wohl-homophob-Und-das-ist-auch-gut-so.html
    wobei ihm offenbar nocht nicht einmal die anerkannte Definition von *Homophobie geläufig ist.

    Nun ist der einstige Vorzeige-Journalist wohl offenbar endgültig „von allen guten Geistern verlassen“ und wohlmeinende Kollegen und Bekannte, sollten ihm (bevor er sich endgültig demontiert hat) besser umgehend dazu raten in den Ruhestand zu gehen und seine Altersbezüge ggf. noch mit dem einen oder anderen Buch aufzustocken (Titelvorschläge: „Der Katholizismus schafft sich ab“ oder auch „So kochte einst die deutsche Hausfrau – ein Loblied auf die kalorienreiche Nachkriegskost“).

    Matthias Matussek, ersetzen Sie in Ihren – ach so witzigen – Anwürfen gegen diejenigen, die sich gegen Homophobie wehren, doch einfach ‚mal die Begriffe Homosexuelle durch Juden oder Dunkelhäutige, vielleicht dämmert Ihnen dann, wie **rassistisch Ihre Texte von vielen empfunden werden. Ich schäme mich für Sie!

    Glossar:

    Wikipedia Seite ‚Matthias Matussek‘
    https://de.wikipedia.org/wiki/Matthias_Matussek

    „Was ist *Homophobie?“ Die ausführliche und anerkannte Defintion:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Homophobie

    Homophobie weist typische Merkmale des **Rassismus auf (nicht zu verwechseln mit Rassenhass)
    http://www.ekr.admin.ch/themen/d376.html

  3. Ich ertappe mich schon seit geraumer Zeit dabei, dass ich beim Lesen Ihrer Nollendorf-Blog Posts feuchte Augen kriege. Weil Sie so wunderbar den Schwachsinn sezieren, der da draußen gerade passiert. Weil Sie diese vermeintlichen Koryphäen von ihren Sockeln stoßen.

    Ich habe (zu) lange versucht, irgendwie mit diesem Mattussek-Traktat umzugehen, mir einen Reim drauf zu machen – aber ich hab dann einfach drauf gewartet, dass Sie was schreiben. Und Sie haben mich nicht enttäuscht! Danke!

    PS: Die Blog-Pause ist keine gute Idee!

  4. …kenne niemanden der so analgeil ist wie matussek. Schaut euch mal die krömer Sendung mit ihm an, sagt eigentlich alles aus.

  5. Mit diesem Herrn ist nicht zu debattieren – er ist ein entsetzlicher katholischer Schreihals. Ein Selbstdarsteller, dem jedes Mittel recht ist, Aufmerksamkeit zu erregen; ohne Rücksicht auf Verluste! – Es bleibt nur, ihm auf die eine oder andere Weise mit dem Handschuh ins Gesicht zu schlagen und ihn zum Duell zu fordern! – Seine größte Unverschämtheit ist hier gar nicht erwähnt: er versucht sich seriös zu machen, in dem er den völlig indiskutablen Robert Spaemann in die Debatte bringt… Offenbar haben sich hier eine Reinkarnation von Joseph Goebbels und Alfred Rosenberg gefunden -der eine schreit, der andere liefert den pseudophilosophischen Hintergrund.
    Mit Matusseks Artikel hat ein neuer Abschnitt im Kampf um Gleichberechtigung begonnen – der erste große Schritt des Rückschritts. Es wird durch diesen Artikel möglich, Schwule wieder als Menschen zweiter Klasse zu bezichtigen; das wurde bereits auch früher gemacht, aber da gehörten diese Leute noch in die Schmuddelecke.
    Was nach der Abstufung zweiter Klasse geschehen wird, ist klar: es wird abwärts gehen: Kriminalisierung, Zwangsbehandlungen und Lager!
    Das ist keine Paranoia – die Catholica mit den neuen Rechten fühlt sich im Aufschwung. Matussek bewirbt sich um die STelle des Propagandaministers!

  6. Ich freue mich immer wieder neu über Deine Beiträge; sprachlich rund, klug recherchiert, humorvoll. Danke dafür! 🙂

  7. Sehr schön.

    Im Kapitel „Trick 1“, Abs. 4 o. 5 heißt es: Die “Tarnung ist die beste Tarnung” – Finte – da fehlt ein „Keine“, oder.

  8. Matussek verdient sein Geld mit Schreiben, Niggemeier auch. Beide stilisieren sich zu einer Marke, um mehr Geld zu verdienen. Das ist völlig normal. Beide betonen ihre sexuelle Identität, weil sie glauben, sich so besser verkaufen zu können. Normaler geht es nicht.

  9. Der beste Beitrag zu Matusseks ekliger Selbstrechtfertigung, den ich kenne. Danke dafür.

  10. Sehr guter Blog-Beitrag.
    Selten so gelacht über Herrn Mattussek. Hat gut getan 🙂

  11. @ Hannibal: Haben Sie ein Beispiel, das zeigt, wie Stefan Niggemeier seine sexuelle Identität betont, um „mehr Geld zu verdienen“?

  12. @Hannibal: Das ist natürlich auch ein weg, sich vor einer Auseinandersetzung zu drücken.

  13. Yay. Fettphobie als antwort auf arschochverhalten: uncool.
    Fyi:
    Die idiotische(und vor allem: falsche!) gesellschaftliche Idee, dass Übergewicht per se Maßlosigkeit anzeigt zu nutzen um auf katholiban Matusseks miese Diskriminierungsapologetik zu antworten: uncool.

    Diskriminierung mit für Menschen wirklich gefährlichen Tropen zu beantworten, Tropen die schon immer genutzt werden um Menschen zu beschämen und abzuwerten(wie hier auch) Tropen die Menschen für das abwerten, was sie sind (fett, oder schwul) :uncool.

    Bitte nicht gleiches mit gleichem vergelten wollen. Das ist uncool.

  14. Pingback: Bodycheck, Femen & Homophobie Nouvelle « Reality Rags

  15. @lethe

    Vielen Dank für die Klarstellung – den gleichen Unsinn hat „Homo-Lobby“ bereits auf „quer“ gepostet. Statt Matusseks unerhörte Keiferei mit ein paar Worten – mehr braucht es wirklich nicht – in Luft aufzulösen, bedient sich „Homo-Lobby“ der gleichen Denkweise und denunziert die Beleibten. DAS ist genauso schäbig wie das Geschreibsel von Matussek selbst.

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