Statt „Wetten Dass..?“: BamS macht Frauen- und Homohasser Pirinçci zum Genie

Heute Morgen im ICE-Bordrestaurant nach Berlin. Ein Mann legt seine “Bild am Sonntag” zur Seite, ich wage einen kurzen Blick auf die Titelseite, besser gesagt: versuche nur kurz drauf zu schauen, irgendwie beiläufig. Ich stutze, aber nicht über eine Schlagzeile, sondern über das Fehlen einer Schlagzeile. Wie? Kein Wetten Dass? Die aus BamS-Sicht wohl größt-anzunehmende Breaking News (Anmerkung 2015: das damals überraschend verkündete Aus von Wetten Dass) nach Mauerfall, gewonnenen Fussball-Weltmeisterschaften und irgendwas mit Boris Becker findet nicht statt. Sie haben die Maschinen nicht angehalten, sie haben einfach weitergedruckt. Weitergedruckt während gerade das passiert, was sie immer schon vorhergesagt haben: Dass bald alles zugrunde geht, dass sich Deutschland selbst abschafft.

Groß auf dem Titel stattdessen:

“Kampf um die Fan Kurve … Nazis unterwandern den Fussball … ‘Forscher spricht von Flächenbrand’ ”.

Probleme aus einer anderen Zeit, denke ich zunächst, doch dann versuche ich mich hineinzudenken in das Gefühlsleben eines BamS-Lesers. Denn ich gehöre nicht dazu, ich versuche, nicht dazu zugehören. Ja, ich hin einer von denen, über deren Behauptung man spottet, sie würden BILD nur aus professionellen Gründen lesen. Und ich muss aushalten, wie lächerlich sich das anhört.

“Können Sie ruhig lesen” sagt der Mann, als er aufsteht und die Zeitung lauf dem Tisch liegen lässt. Hat also nicht so geklappt, das mit dem beiläufig gucken. Der Mann verlässt das Restaurant-Abteil. Ich bin jetzt dort ganz alleine. Ich und die BamS!
Okay, ein kurzer Blick hinein. Doch auch aus diesem kurzen Blick wird nichts. Durch Zufall schlage ich die Doppelseite auf, auf der “Debatte” drüber steht, darunter vier große Fotos von Arif Pirinçci, dem Buchautor des Bestsellers  „Deutschland von Sinnen. Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer“ und als solcher der neue Star unter den Hassprediger (Stefan Niggemeier: „Er veröffentlicht Texte für Leute, denen verbale Auseinandersetzungen, die nicht einer besinnungslosen blutigen Straßenschlacht gleichen, zu intellektuell sind“) und ich frage mich, was es da zu debattieren gibt. Natürlich ist mir der Mechanismus bewusst, mit dem BILD solche Hetzer zu wichtigen Debattenführern und somit zu seriösen Meinungsleuten verklärt, ohne sich allzu auffällig auf deren Seite schlagen zu müssen. Aber können die das heute echt noch so durchziehen? Wollen sie wirklich die Grenze, die sie mit mit Sarrazin  gerade erst berührt haben, jetzt schon weiter ausdehnen?

“Ist er gefährlich oder genial”

steht unter der Headline.

Oh Gott, denke ich, schreiben, dass der Typ genial ist, das werden die doch nicht ernsthaft machen. Also “gefährlich”? Denn das wäre die einzig andere Möglichkeit die die Prämisse des Artikels erlaubt.

Sollte es wirklich möglich sein, dass die BamS einen Hetzer tatsächlich einen Hetzer nennt, dass sie wirklich schreibt, dass so einer gefährlich ist?

Ich lese also den Artikel. Ich sitze also tatsächlich im Bordrestaurant und lese die “BamS”! Ist ja auch mal wieder eine gute Gelegenheit, um zu überprüfen, ob meine Haltung zu BILD und BamS nicht vielleicht doch ungerecht ist, versuche ich mir das schönzureden. Aber vielleicht hat sich sie sich ja doch geändert. Vielleicht versuchen sie ihren Lesern ja wirklich mal den Unterscheid zwischen Meinung und Ressentiment zu erklären. Und dass es keinen Mut braucht, um Minderheiten und Frauen anzupöbeln, sondern einfach nur Angst, schlechte Manieren oder einen schlechten Charakter.

Doch schon nach den ersten Zeilen der Autorin Anja Hardenberg habe ich verstanden, wohin die Reise geht.

“Das ist er also, der meistgehasste Mann der Republik”.

Sollte ich sie wirklich gehabt haben, die Hoffnung auf Hinweise eines „freiheitlichen Weltbildes“ dieses Blattes, dann ist sie schon direkt am Anfang gestorben.

Nein, die BamS wird nicht schreiben, dass Pirinçci gefährlich ist. Sie baut ihn als Opfer der Political Correctness auf. Sie wird den restlichen Artikel dazu nutzen, Pirincci als einen Mann zu beschreiben, der eben nicht gefährlich ist. Natürlich wird sie das nicht explizit sagen. Denn damit würde sie aufgrund der eigenen Ausgangsfrage behaupten, dass der Autor – weil nicht gefährlich – dann eben genial sein müsse. Und das darf ein BILD oder BamS-Leser natürlich nicht ganz so offen aussprechen. Immerhin sollen ihre Leser  ja irgendwie das Gefühl haben, dass die Blätter sie in der Bildung einer eigenen Meinung unterstützen möchten.

Pirinçci habe ein Buch geschrieben, in dem er gegen “Frauenquote, Homosexuelle, Öko-Fundamentalisten und anmassende Zuwanderer”  ledere, lügt BamS dann in schöner alter Tradition. Denn so differenziert ist er gar nicht und will es auch gar nicht sein:

Pirinçci hetzt nicht gegen “Öko-Fundermantalisten”, er hetzt gegen die Grünen („Die Kindersexpartei ‘Die Grünen’  – diese haben Deutschland kaputt gemacht”.

Pirinçci hetzt nicht gegen anmaßende Zuwanderer, er hetzt gegen Zuwanderer. Indem die BamS das Wort “anmaßende” einfach hinzufügt, verharmlost sie die Attacken, versucht, sie aus der Kritik zu nehmen, und stellt sich somit in ihren Dienst.

Dann:

“Wer ist dieser Pirincci, der mal eben die politische Korrektheit schreddert? Ein durchgeknallter Spinner oder ein mutiger Idealist. …)”

Wow. Bingo. Gleich drei in einem Satz: Politische Korrektheit, Mut, Idealist. Es schadet nicht, eine Weile keine BILD und BamS zu lesen, weil sie trotz aller smarter Werbe-Mätzchen geblieben sind, was immer waren: Blätter, auf die man sich verlassen kann, wenn es um die wirklich wichtigen Dinge geht.  Wie etwa die Zurechtweisung von Frauen und Minderheiten.

Ohne sich erkennbar dafür zu schämen, schreibt Hardenberg dann

“ … Ich wollte lieber mit ihm reden als über ihn”.

Wenn man die Markus Lanz – Watte dieses Satzes wegwischt, um ihn zu dekodieren, steht da so was wie:  “Keiner redet mit ihm, keiner will wissen, wie er wirklich ist”. Was gelogen wäre, doch da BILD und BamS nicht den Mut haben, offen auszusprechen, was sie für die Wahrheit halten, ist es nur eine versteckte Lüge, aber immerhin schon der zweite Versuch innerhalb von nur wenigen Zeilen, einen Täter zum Opfer zu mystifizieren.

Genie oder Gefahr? Nein, Hardenberg sagt nicht, dass Arif Pirinçci ein Genie ist und auch nicht, dass er ungefährlich ist. Und wie bereits erwartet, muss sie das auch gar nicht. Denn die restlichen 2 1/2 Seiten bestehen fast ausschließlich aus Aussagen, die für die Harmlosigkeit des Autors stehen.

Hardenberg erklärt, dass sie bei ihrem Besuch im Bonner Haus des Autors „sechs Überraschungen“ erwarten, die sie in ihrem Artikel kleine durchnummerierte Absätze unterteilt. Sechs Unbedenklichkeitsbescheinigung für einen Brandstifter.

Hier die wichtigsten Aussagen dieser „Überraschungen“

„1. Überraschung: …  Pirinçci … (…) ist eigentlich ein sympathisches Weichei.  …“

„2. Überraschung: Pirinçci (…) versteht sein Buch nicht als Schmähschrift, sondern als Liebeserklärung.“

„3. Überraschung: Der Literat (sic!), der sich gern als Bohemien tarnt (…) lebt ein geradezu preußisch geregeltes Leben: ‚Ich bin Deutscher als jeder Deutsche!‘ Er steht auf Disziplin und Pünktlichkeit.“

Wenn Sie sich an dieser Stelle fragen, warum solche Aussagen als Hinweis für die Harmlosigkeit eines Menschen stehen sollen (beziehungsweise die Abwesenheit dieser Tugenden für das Gegenteil), versetzten Sie sich bitte ganz kurz in das Weltbild von BILD und BamS: „Der Vorbehalt gegen Sekundärtugenden reflektiert teils Neid gegen die Tüchtigen, teils deutschen Selbsthass“ wird Thilo Sarrazin von BILD zu seinem dort hochgelobten neuen Buch zitiert.)

„4. Überraschung: Der Mann, der sich so wortmächtig über deutsches Schubladendenken und kulturelle Arroganz ereifert, ist ein verkappter Romantiker“.

Spätestens hier versucht das Blatt nicht mehr zu kaschieren, auf welcher Seite es steht. Mit dem Fehlen von Anführungszeichen oder so Wörtern wie „angeblich“ oder „vermeintlich“ übernimmt es die Botschaften des Autors.

„5. Überraschung:  ist ein liebevoller Vater.“

Nachdem jetzt auch letzte BamS Leser verstanden hat, dass dieser Mann „meistgehasste Mann“ völlig zu unrecht in der Kritik steht und eigentlich den Friedensnobelpreis verdient hätte (ihn aber nie bekommen wird, weil er von einem Meinungskartell aus Gutmenschen, virulenter Homolobby und Feuilletonisten niedergemacht wird), ist es nur eine Frage der Zeit, bis wir lesen müssen, dass Pirinçci für seinen Mut zu bewundern ist und wir alle ihm zu Dank verpflichtet sind, da er „eine wichtige Debatte angestoßen“ hat.

Schön, jetzt schon zu wissen, wie diese Debatte nach Meinung von BILD auszugehen hat.

Aber wurde uns nicht noch eine sechste „Überraschung“ versprochen? Diese hat kein eigenes Kapitel bekommen, dafür aber die Schlusspointe. Die besteht daraus, dass die „Noch Ehefrau“ Pirinçcis nach wie vor in dessen Villa lebe, obwohl er auf Facebook schon eine neue suche. Ich suche nach der Moral dieser Geschichte.

Als ich in Berlin ankomme, habe ich sie immer noch nicht gefunden. Jetzt noch kurz vorbei am Zeitschriften-Laden. Eine der netten Privilegien als Hauptstädter ist es, in Berlin den SPIEGEL schon sonntags kaufen zu können. An der Kasse sehe ich dann auch die BamS liegen, sehe auf dem Titelbild, dass die Hauptstadt-Ausgabe (im Gegenzeit zur Provinzversion aus dem Zug) schon in der neuen Zeitrechnung gedruckt wurde:

„Wetten Dass..? ES IST AUS!“.

Ob das auch ein Privileg ist? Ich zahle den SPIEGEL, gehe nach draußen. Vielleicht ist ja in der BamS wegen der neuen Top-Story die Geschichte vom ungefährlichsten Deutschen aller Zeiten herausgefallen. Wäre doch interessant zu wissen, ob das so ist. Einerseits. Andererseits: Und jetzt? Ich habe Gottseidank keine Freunde in Berlin, die das mal eben mit einem kurzen Blick in ihre Sonntagszeitung für mich nachgucken könnten. Und ich kann ja nicht wirklich -.

Doch. Solange ich mich erinnern kann, hatte ich noch nie eine „Bild am Sonntag“ zuhause rumliegen und jetzt habe ich gleich zwei. Und eine davon sogar selbst bezahlt! Und das völlig unnötigerweise. Denn das hätte ich mir wirklich denken können: Der Pirinçci-Artikel ist auch in der Berlin-Ausgabe zu lesen. Dank „Wetten Dass ..?“ wird die Mär vom guten Menschen aus Bonn dann ja heute besonders vielen Berlinern in die Hände fallen, denke ich. Schönes Hauptstadtprivileg! Denn wir haben hier echt keinen Bedarf an weiteren Brandbeschleunigern. Aber jetzt hab ich schon bezahlt, jetzt kann ich auch was lesen. Ich nehme mir den Artikel wieder vor, vielleicht liest sich die Beschreibung des Buchautors und seiner Wirkung  ja diesmal etwas anders.

„Wir haben Auseinandersetzungen, die es vor ein paar Jahren nicht gab, sind in einer gefährlichen Phase. Wir müssen aufpassen, dass die Situation nicht eskaliert.“

Komisch, denke ich, da liest sich die BamS ja fast wie BILDblogger Niggemeier. Doch dann fällt mir auf, dass ich die falsche Doppelseite aufgeschlagen habe. Es geht gar nicht um Pirinçci, sondern um den „Flächenbrand“, den die Rechten gerade in den Fankurven der Fussballstadien entfacht haben sollen. Dann der „richtige“ Artikel. Der mit Pirinçci. Kurz vor Schluss heißt es dort

„in seinem Garten zwischen die Vögelein“

Da bin ich ja beruhigt. ♦

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2 “Kommentare ”

  1. Ich kenne mich persönlich mit dem Thema Pirincci zwar nicht annähernd gut genug aus, um beurteilen zu können, was Pläne und Ziele dieses Menschen sind (wobei er mir reichlich suspekt erscheint und die Bild ja bereits diverse Male bewiesen hat, dass sie diesen -nunja -zweifelhaft ausgerichteten Meinungsäußeren gerne eine Fläche bietet, siehe Sarrazin), aber ich kann mich nie genug darüber aufregen, wie grauenhaft deutscher Mainstream-„Journalismus“ ist.
    Wie Sie bereits treffend beschrieben haben, fehlt es einfach zumindest an relativierenden Ausdrücken, an vielen Stellen müsste sogar abgewägt werden. Das gilt jedoch nicht nur für die Bild, sondern an sich für so gut wie jedes Presseerzeugnis aus heutigen Tagen. Um einen genauen Tatsachenüberblick zu bekommen, müsste man sämtliche Zeitungen etc.täglich kaufen. Für mich unheimlich unverständlich, da gerade in der Schule und an der Universität den Menschen immer wieder eingetrichtert wird, abwägend und alle Seiten berücksichtigend zu schreiben. In modernen Zeiten alles für die Katz! Hier wird zumindest einmal Position gegen Position gestellt, was alles spannender macht!

    Grandioser Artikel, schöner Schreibstil (landete durch „Enough is Enough“ gerade das erste Mal auf diesem Blog) – vielen Dank!

  2. Ojeoje, der Pirinçci…ich habe ihn vor 20 Jahren kennen gelernt, als ich seinen „Felidae“ für den WDR als Hörspiel bearbeitete. Da traf ich einen freundlichen jungen Mann, der selber noch ganz fassungslos über seinen großen Erfolg war, sich auf die gezeichnete Kinoversion freute und aus dem tausend Ideen sprudelten, wie man das Katzenkrimithema weiterspinnen kann. Wahrscheinlich ahnte er damals schon, daß er ein literarisches One-Hit-Wonder bleiben sollte, denn „Der Rumpf“ ließ bereits erkennen, daß da nicht viel Tinte im Fässchen vorhanden ist. Es folgten noch ein paar Felidae-more-of-the-same-shit Bücher bevor Pirinçci endgültig in die Versenkung zu rutschen drohte, aus der er sich nun medienwirksam zurückmeldet.

    Was er mittlerweile schreibt, interessiert mich nicht zu lesen, über solch morsche Stöckchen springe ich nicht.
    Was mich aber ärgert: Ich hatte einen so schönen W-Vertrag mit dem WDR gedealt, der mir 100% Wiederholungshonorar zusichert. Und wer will das denn jetzt noch wiederholen? Hm?? Gibt es zur Strafe nicht so was wie ein Dschungelcamp für Autoren, wo man die medialen Brunnenvergifter unserer Tage, wie Wagner, Sarazin, Hermann, Matussek und wie sie alle heißen, schmoren lassen kann? Und wo man von diesen Leuten nur belästigt wird, wenn man gezielt einschaltet, in einem Akt wohliger Ekel-Zerstreuung?

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