Solidarität für Fabrizio! – Nicht der DSDS-Kandidat war respektlos, sondern die Sendung, die ihn vorgeführt hat.

„Ich find das einfach so schade .. alles wofür alle jahrelang gekämpft haben egal ob politisch oder gesellschaftlich etc geht dann einfach doch schonmal innerhalb von Sekunden kaputt.
Natürlich sind wir nicht alle so , aber erkläre dass mal Leuten die sowieso nicht weltoffen sind .“

Katy Böhm, Berliner Dragqueen auf Facebbook

RTL bewirbt die neue Staffel seiner Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“ mit dem „wohl frechsten Kandidaten“, den das Format je gesehen habe. Sowohl in der Vor- als auch in der hauseigenen Nachberichterstattung des Senders spielte der Auftritt des offen (und offensichtlich) schwulen 21-jährigen Fabrizio Giordano aus Pforzheim eine wichtige Rolle. Nach dessen schlechter Gesangperformance in High Heels eskalierte die Diskussion mit der Jury. In der Aufzeichnung sieht man, wie Fabrizio einzelne Jurymitgieder beleidigt. Schließlich wird er von der Jurorin Oana Nechiti aus dem Studio geführt.

Viele Medien übernehmen heute die vom Sender vorgegebene Darstellung: „Das ist der wohl respektloseste Kandidat aller Zeiten“ heißt es hier und hier und hier. Und ziemlich genau so konnte man es heute in unzähligen Postings in den sozialen Netzwerken nachlesen. Oder noch schlimmer: Fabrizio habe durch sein unverschämtes Verhalten und die gleichzeitige die Betonung seiner Homosexualität der Communiy einen Bärendienst erwiesen. Nicht nur einmal habe ich auf Facebook gelesen, er habe mit seinem Verhalten Homophobie befördert.

Was vielleicht viele Zuschauer nicht wissen: Vor dem Casting, das wir im Fernsehen zu sehen bekommen, haben die Kandidaten bereits ein Casting ohne die prominente Jury durchlaufen. Die Redaktion weiß also genau, wen sie da vor sich hat. Trifft also ein Kandidat auf Dieter Bohlen, der nicht singen kann, dann trifft er nicht auf Dieter Bohlen, obwohl er nicht singen kann, sondern weil er nicht singen kann. Erst recht, wenn er sonst irgendwie auffällig ist. Er trifft also auf die Jury, um vor einem Millionenpublikum vorgeführt zu werden. Natürlich sagt eine Fernsehredaktion diesen chancenlosen Kandidaten nicht, dass die keine Chance haben, dass sie im Gegenteil nur deshalb noch einmal eingeladen wurden, weil sie keine Chance haben, sondern um sich lächerlich zu machen. Aber es ist noch schlimmer: Oft wird solchen hoffnungslosen Kandidaten auch noch Hoffnung gemacht. Es reicht also nicht, dass sie sich in einer Primetimesendung erwartbar lächerlich machen sollen. Sie sollen sich in Grund und Boden blamieren. Das ist Teil des Konzeptes.

Nun kann man natürlich sagen, jemand der 21 ist, muss sich und seine Talente selber einschätzen können. Vor allen Dingen muss er aber auch ein Format einschätzen können, das es seit 16 Jahren gibt und in dem es immer so gewesen ist, dass Kandidaten sich blamieren und von der Jury hart angegriffen werden. Wer das nicht abkann, der sollte dort doch einfach nicht hingehen.

Stimmt. Das sollte man nicht. Und trotzdem sollten wir nicht über die urteilen, die es trotzdem tun, so lange es Laien sind, die das Business und seine Verheißungen und Verführungen schlecht einschätzen und abwehren können. Ich möchte daran erinnern, dass der peinlichste Medienmoment des letzten Jahres nicht einem DSDS-Kandidaten sondern dem gestandenen Filmregisseur Wim Wenders passiert ist, dem jede Distanz und Realitätssicht abhanden kam, nur weil er für einen Film den Papst interviewen durfte. Wenn Wim Wenders vor dem Papst kapituliert und bereit ist, seine seit Jahrzehnten angehäufte künstlerische Glaubwürdigkeit über Bord zu werfen, wie kann man dann über einen 21-jährigen den Stab brechen, der vor den menschgewordenen Poptitan tritt?

Zumindest sollten wir nicht einfach so die Deutungshoheit derjenigen übernehmen, deren Geschäftsmodell es ist, junge Leute vor laufender Kamera ins offene Messer laufen lassen und dann dafür zu sorgen, dass sie aus dem Messer so leicht nicht wieder herauskommen. Die Fabrizio-Sequenz dauerte in der Aufzeichnung ca. 10 Minuten, in einer Fernsehsendung ist das eine Ewigkeit. Außerdem können wir hören, dass sich der Kandidat früh mit dem Urteil der Jury zufriedengibt: „Wenn ihr sagt, ich kann nicht singen, dann kann ich halt nicht singen.“ Im Gegensatz zu anderen Kandidaten scheint Fabrizio nicht um sein Weiterkommen in der Show gekämpft zu haben. Wenn man sich die zusammengeschnittenen Szenen anschaut, spricht viel dafür, dass die Jury ihn trotzdem weiterqälte, als er sich schon längst geschlagen gegeben hatte. Die Eskalation war in diesem Fall nicht von Fabizio ausgegangen, sondern von denjenigen, die einen jungen Mann weiter vorführten, der gerade nicht nur die Niederlage seines Lebens realisierte, sondern auch noch die abgrundtiefe Scham, diese nun mit einer Fernsehnation teilen zu müssen.

Und tun wir bitte nicht so, als sei das eben mal so nebenbei: Gerade seine Homosexualität vor einer Jury erklärt und auch noch verteidigt zu haben. All die vor den Fernsehgeräten sitzenden ungeouteten (weil um ihre Karriere bangenden) Bankangestellten, die sich am Samstag Abend köstlich über die dumme wütende Tunte amusiert haben, mögen sich bitte nur eine Millisekunde fragen: Wie hätten sie in einer Situation reagiert, die auch nur ein Bruchteil von der Scham und der Schande enthielt, die Frabizio da zu bewältigen hatte.

Und warum musste sich Fabrizio auch so geben? Warum auch noch diese High Heels? Erste Antwort: Warum denn nicht! Zweite Antwort: Große Fernsehmomente entstehen durch große Siege und große Niederlagen. Bei einer anderen Castingshow habe ich erlebt, wie ein (ebenfalls wahrscheinlich homosexueller) Kandidat in einem bescheurtem Kostüm auftrat, das seiner ebenfalls misslungene Darbietung die Krone aufsetzte. Von der Jury wurde er dann gefragt, warum er sich denn für diese demütigenden Klamotten entschieden habe. Weil der Regisseur das so gewollt habe, sagte der Kandidat bei der Aufzeichung. In der gesendeten Show war das natürlich rausgeschnitten. Keine Ahnung, ob Fabrizio die Idee mit den High Heels hatte, oder ob die Redaktion ihm den Vorschlag gemacht hatte. Aber egal. Denn für ihn waren die Highheels ein Zeichen des Stolzes, während die Macher der Sendung wussten, dass sie seine Demütigung vollenden würden. Mit dem auf den hohen Schuhen vorgetragenen Pathos war die Fallhöhe perfekt, mit der der Sender den jungen Mann spektakulär abstürzen lassen konnte. Wer sich die Szenen anschaut, der sieht, dass Fabrizio kein Großkotz ist, sondern ein fast schüchterner Mann, der eine große Klappe braucht, um sich wehren zu können.

Der Mut eines jungen Mannes, zu sich selber zu stehen, wurde missbraucht für die Inszenierung einer Vernichtung. Ja, Fabrizio hat sich schlecht geschlagen. Vor allem aber hatte er das Pech, dies in einem Format zu tun, das darauf angewiesen ist, daraus Kapital zu schlagen. Wer hierfür Schadenfreude empfindet oder gar Wut auf den Kandidaten, weil er sich so für dessen peinliches Anderssein schämt, der muss sich fragen lassen, wie peinlich ihm das eigene Anderssein ist.

Nachtrag: Fabrizio Giordano in einem Facebook-Kommentar heute:

„… Aber die Schuhe habe ich mir nicht ausgesucht! Bei dem Casting ist gesagt worden, entweder in high heels oder du kommst nicht zu dieter“

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