Die verlogene Entschuldigung der SPD für den queerfeindlichen Kulturtalk

Ausgerechnet zum Auftakt des Superwahljahres hat die SPD mit einem Superspreader-Event queerfeindlicher Botschaften gezeigt, wie schwierig es für die Partei werden wird, sich glaubwürdig als Vertreterin von LGBTIQ-Interessen darzustellen. Am Donnerstagabend veranstaltete das SPD-Kulturforum zusammen mit der Grundwertekommission der Partei einen sogenannten gemeinsamen Jour fixe zum Thema „Kultur schafft Demokratie“, den man aus queerer Sicht als Totalschaden bezeichnen muss. Gast war die FAZ-Feuilleton-Chefin Sandra Kegel, die anlässlich von Act Out, der Coming-out-Initiative von 185 Schauspieler*innen, einen durch und durch homophoben und queerfeindlichen Kommentar verfasst hatte, der in der Community für große Aufregung sorgte. Zusätzlich zum ursprünglichen Thema wurden dann aus aktuellem Anlass auf Drängen von SPDqueer drei queere Vertreter*innen (die Schauspieler*innen Bettina Hoppe, Heinrich Horwitz und ich) eingeladen, um mit Sandra Kegel über Act Out zu diskutieren. Doch daraus wurde nichts. Es wurde ein Unfall mit Ansage.

Rainer Hörmann schrieb in seinem „Samstag ist ein guter Tag“-Blog:

Erklären sollte sich die SPD – und zwar ganz grundlegend, ob sie überhaupt noch in der Lage oder willens ist, Anliegen von queeren Menschen aufzugreifen und sich für die Rechte von Minderheiten stark zu machen. Gesine Schwan hat sich an die Seite von Sandra Kegel und einiger anderer wenig rühmlichen Persönlichkeiten gestellt, die allesamt nichts gegen Homosexuelle haben, aber LGBT mit dem Argument zurechtweisen, sie sollten sich nicht so anstellen, schließlich würden sie hierzulande nicht ermordet. Das ist das sich ungebrochen haltende Denken der „Bild“-Zeitung bzw. ihres Kolumnisten Franz-Josef Wagner, der 2012 schon in der Debatte um die gleichgeschlechtliche Ehe Homosexuellen ihren Platz zuwies: „Was für eine glorreiche Zeit für Euch. Niemand steckt Euch ins Gefängnis.“

Und:

Gesine Schwan versuchte mit ihren salbungsvollen Worten darüber hinwegzutäuschen, dass an diesem Abend die Fronten von vornherein feststanden. Hätte der Jour Fixe in einer realen SPD-Kneipe stattgefunden, die nörgelnden Queer-Aktivist*innen wären vermutlich hinausgeschmissen worden. Derweil hätte die Person des Podiums, die queere Menschen attackiert hatte, sich im Applaus der die Dinge zurechtrückenden Sozis gesonnt und „Großmutter“ Schwan hätte die nächste Runde Korn organisiert.

Und auch für das Zaunfink-Blog war das nicht nur irgendein misslungenes Event:

Spätestens seit heute frage ich mich: Mit Sozialdemokrat:innen reden? Geht das? Wem nutzt das? Kann man sich das nicht besser sparen?

(…)

Worüber also sollen wir da bitte „unbedingt weiterdiskutieren“? Darüber, dass sich queere Menschen immer nur wichtig machen und die Opferkarte spielen, um Privilegien zu erhalten? Über die unangemessene Aggression von Diskriminierten? Vielleicht darüber, dass es gar nicht schlimm ist, die Identität geladener Gäste erst zur Kenntnis zu nehmen, nachdem man sie falsch vorgestellt hat, aber total gemein, wenn die einen korrigieren? Dass man sich, wie Gesine Schwan allen Ernstes erklärte, vielleicht bald dafür rechtfertigen muss, wenn man nicht lesbisch ist? Darüber, dass es anderswo viel schlimmer ist und man sich deshalb nicht so haben soll? Oder ganz allgemein über die erschreckende Überempfindlichkeit von Minderheiten, die in Wirklichkeit gar keine richtigen Diskriminierungen erleben, weil Diskriminierungen erst schlimm sind, wenn sie Menschenleben kosten? Das tut anti-queere Diskriminierung übrigens auch in Deutschland, aber vermutlich ist es irgendwie stalinistisch, wenn ich das anspreche.

Der LSVD-Bundesverband gab unter der Überschrift „SPD versagt bei Parteinahme für queere Menschen“ sogar eine eigene Pressemitteilung heraus:

(…) Was dann geschah war so unverständlich wie schwer auszuhalten.

So wollte Kegel ihren Artikel zu #actout unter anderem als „Ideologiekritik“ verstanden wissen. Zu der Verun glimpfung und dem Betrugsvorwurf gesellte sich nun also noch die Diffamierung der Bemühungen um Gleichstellung als „Ideologie“. Damit bedient sich Kegel nun tatsächlich auch rechtspopulistischen bis rechten Kampfbegriffen, die regelmäßig in AfD-Reden oder den Auseinandersetzungen in Polen verwendet werden, wenn dort vor vermeintlicher „Gender-Ideologie“ oder „LGBT-Ideologien“ gewarnt wird

(…) Im Endeffekt wiederholten die SPD-Verantwortlichen genau die perfide Argumentation von Sandra Kegel: Queere Menschen sollen sich mal nicht so haben. Der Angriff von Sandra Kegel war zwar in einem der wichtigsten und größten Tageszeitungen Deutschlands. Aber war ja nicht lebensgefährlich.

Als LSVD fordern wir ein glaubwürdiges Aufarbeiten innerhalb der Partei. Wie konnte dieser Talk so stattfinden? Die SPD-Verantwortlichen sollten bei den Redner*innen, bei #actout und der queeren Community, um Entschuldigung bitten, die durch diesen Auftritt entstandenen Wunden anerkennen und sich mit lsbti-feindlicher Diskriminierung ernsthaft auseinandersetzen.

Natürlich repräsentiert die Veranstaltung nicht die gesamte SPD, die ja auch aus vielen Genossinnen und Genossen besteht, die sich glaubwürdig und mit großem Einsatz für queere Interessen engagieren. Zu ihnen gehört auch Carsten Brosda, der als Vorsitzender des SPD-Kulturforums Mitveranstalter war, aber aus terminlichen Gründen erst dann am Talk teilnehmen konnte, als die Queers schon alle aus dem Zoom geschmissen worden waren. Brosda arbeitet als Hamburger Kultursenator für kulturelle Vielfalt und als Präsident des Deutschen Bühnenvereins besitzt er Empathie und Expertise für die Situation der Schauspieler*innen. Ganz sicher wäre der Talk mit ihm ein ganz anderer geworden.

Andererseits: Wieso konnte sich im Vorfeld weder aus der Grundwertekommission noch aus dem Kulturforum der SPD auch nur eine einzige Stimme finden, die bereit und in der Lage gewesen war, sich nicht auf die Seite eines Gastes zu stellen, der in diesem Maße gefährlichen queerfeindlichen Unsinn verbreitet?

Und überhaupt: Wenn es schon in einer Veranstaltung von Kulturforum und Grundwertekommission so zu geht, darf dann nicht mit allem Recht vermutet werden, dass es in den allermeisten Gruppierungen der Partei nicht unbedingt besser bestellt ist? Ist das, was da am Donnerstag passiert ist, nicht einfach die ganz normale Homophobie und Queerfeindlichkeit, die auch außerhalb der SPD in links-liberalen Kreisen immer latent vorhanden ist, und nur deshalb so augenscheinlich wurde, weil man das Pech hatte, einen Gast eingeladen zu haben, der einen ungeplanter Weise zwang, sich mit Queerzeugs zu beschäftigen?

Die Homophobie der Gesine Schwan ist wahrscheinlich keine schlimmere als die der allermeisten Menschen in Deutschland. Aber die allermeisten Menschen sind eben nicht Chefin der SPD-Grundwertekommission. Entscheidens ist jetzt. wie die Partei mit all dem jetzt umgeht. Ob sie wirklich glaubwürdig für queere Interessen streiten kann, wird sich daran zeigen, ob sie den Vorfall als Chance begreift, das eigene Versagen zu erkennen, zu benennen und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Doch danach sieht es gerade nicht aus. Heute hat die SPD so etwas wie eine Entschuldigung versucht. Die „Stellungnahme zum Gespräch mit Sandra Kegel“ von Grundwertekommission und Kulturforum ist jedoch erkennbar lediglich der Versuch, die Wogen zu glätten, ohne tatsächlich Verantwortung zu übernehmen.

Ich dokumentiere hier den gesamten Text der Erklärung:

Der zweite gemeinsame Jour fixe „Kultur schafft Demokratie“ hat verärgerte Reaktionen und harte Kritik ausgelöst. Wir hatten den Termin mit der FAZ-Feuilleton-Chefin Sandra Kegel bereits im Januar vereinbart, um ein Gespräch über die heutige Rolle des Feuilletons im gesellschaftlichen und politischen Diskurs zu führen. Nachdem Sandra Kegel wenige Tage vor dem Termin einen vielfach problematisierten Kommentar zu der Initiative #actout veröffentlicht hat, war klar, dass wir das Themenspektrum erweitern mussten.

Das ist schon ein Hammer. Die SPD schreibt von einem „vielfach problematisierten Kommentar“ und nicht etwa von einem „problematischen Kommentar“, was ja auch noch sehr harmlos gewesen wäre, aber zumindest ein bisschen Distanz. Aber selbst die soll es zum FAZ-Text offensichtlich nicht geben. Ganz abgesehen davon, dass es natürlich endlich notwendig gewesen wäre, die Aussagen von Kegel als das zu bezeichnen, als das was sie sind: Homophob und queerfeindlich. Aber das kann die SPD offensichtlich nicht. Oder sie will es nicht. Beides ist schlimm.

Auf Anregung und in Abstimmung mit SPDqueer haben wir den Kreis der Teilnehmer*innen an der Diskussion um Bettina Hoppe, Heinrich Horwitz und Johannes Kram ergänzt, um der Kritik Raum und zugleich eine Möglichkeit zur kritischen Auseinandersetzung zu geben. Das ist missglückt. Es ist nicht gelungen, eine angemessene Diskussion zu ermöglichen. 

Diese Darstellung ist grob irreführend. Es klingt so, als sei da eine Diskussion aus dem Ruder geraten. Dabei war eine richtige Diskussion, zumindest zum queeren Thema, ganz offensichtlich weder gewünscht noch geplant. Die SPD versucht hier, sich mit formalen Gründen aus der Verantwortung zu ziehen. Doch „missglückt“ ist nicht der Diskussionsverlauf. Die Diskussion ist nicht irgendwo hingelaufen, wo sie nicht hinsollte, sondern die Moderation hat alles dafür getan, dass sie in eine Richtung geht, und genau diese Richtung war das Problem.

Die Veranstaltung ist aus einem ganz anderen Grund gescheitert: In fast zwei Stunden hielten es die SPD-Verantwortlichen an keiner einzigen Stelle für opportun, sich von den queerfeindlichen Aussagen und Verdrehungen zu distanzieren, sie haben sich sogar eindeutig auf die Seite des Gastes geschlagen, und zwar offensichtlich nicht trotz, sondern wegen der queerfeindlichen Positionen. Dafür ist „Es ist nicht gelungen, eine angemessene Diskussion zu ermöglichen“ nun wirklich nicht die richtige Beschreibung.

Die im Gespräch entstandenen Verletzungen bedauern wir sehr. Dafür, dass sie überhaupt entstehen konnten, bitten wir als Gastgeber alle Betroffenen um Entschuldigung.

Schwierig. Auf der einen Seite okay. Aber wenn es Verletzungen gab, dann sind die nicht irgendwie „entstanden“. Sie wurden zugefügt, und zwar von den Verantwortlichen des Abends selbst – und das nicht nur durch Unterlassen, sondern auch eigenes Tun.

Außerdem finde ich eine solche Formulierung aus deshalb problematisch, weil hier die Verletztheit der Angegriffenen als alleiniger Maßstab fürs entschuldigen-Müssen gesetzt wird. Doch das Verhalten der Moderator*innen wäre auch dann nicht minder problematisch, wenn sich keiner der Attackierten verletzt fühlen würde. Die – egal ob vermeintlichen oder tatsächlichen – Verletzungen als Maßstab suggerieren, dass das alles halb so schlimm gewesen wäre, wenn sich die „Betroffenen“ weniger verletzt fühlen würden. Wie groß wird wohl der Anteil derer sein, die einen solchen Satz lesen und denken: Klar, heute fühlt sich ja jeder gleich verletzt!

Wir nehmen das Scheitern des Gesprächs sehr ernst und werden es intensiv aufarbeiten. 

Da dürfen wir gespannt sein. Vor allem, da ein solches Statement ja eine gute Gelegenheit gewesen wäre, damit anzufangen. Aber warum passiert das nicht?

Es ist auch ein Indiz für die aktuellen Schwierigkeiten, uns gesellschaftsweit solidarisch mit Blick auf progressive Politiken zu verständigen.

Es ist wohl vor allem daran, dass man zur Bearbeitung diese „aktuellen“ Schwierigkeiten die falschen Leute am Start hat.

Wir werden uns den Themen Vielfalt, Queerness und den Bedingungen öffentlicher Verständigung in Zukunft weiter widmen und dafür eigene Formate entwickeln. Denn natürlich geht es uns kulturpolitisch darum, Diskriminierung zu bekämpfen und die Vielfalt und Queerness unserer Gesellschaft auch in Film und Fernsehen besser und verständlich und sichtbar zu machen. Die Diskriminierung queerer und nicht-binärer Schauspieler*innen ist nicht hinnehmbar und bedarf klarer Antworten. Auch in Kultur und Kulturpolitik. Die Initiative #actout hat kraftvoll verdeutlicht, wie dringend das ist. In den letzten Jahren sind zunehmend verpflichtende Diversity Checks, Kodizes zur diskriminierungsfreien Arbeit oder entsprechende Beschwerdestellen entstanden. An derartigen Initiativen werden wir – hoffentlich gemeinsam mit den Initiatoren von #actout – auch in Zukunft weiter arbeiten und sie überall dort konkret umsetzen, wo wir politische Verantwortung tragen.

Ja, daran sollten wir sie messen und sie auch darin unterstützen. Aber leider ist es nicht möglich, „Diskriminierung zu bekämpfen“, wenn ich noch nicht einmal in der Lage bin, diese als solche zu benennen. Wenn selbst Aussagen wie die von Frau Kegel kein Grund dafür sind, Diskriminierung auch als Diskriminierung zu bezeichnen, was denn dann? Und wieso wird nicht die Täter-Opfer Umkehr, warum nicht die eigenen Ressentiments thematisiert? Wieso kann sich Gesine Schwan nicht einfach für ihren lesbophoben Witz entschuldigen? Wieso nicht für die Aussage, dass sie sich nicht dafür entschuldigen möchte, dass sie nicht lesbisch ist, was ja ziemlich böswillig unterstellt, als würde das irgendjemand tun?

Wie verlogen die ganze Erklärung ist, zeigt sich aber am deutlichsten an einem Kommentar, den Klaus-Jürgen Scherer – neben Gesine Schwan der zweite Moderator des Talks und langjähriger Geschäftsführer des SPD-Kulturforums – heute auf Facebook abgesetzt hat:

Wir hatten ja Donnerstag Abend eine schwierige Debatte mit Queer-Leuten, die aufgrund eines kleinen Kommentars jedes vernünftige Gespräch mit Sandra Kegel von der FAZ verhindern wollten. (…)
Der Unfall ist noch lange nicht vorbei.

Update 27. Februar 2021:

In meinem Podcast habe ich mit den beiden #ActOut-Initiator*innen, der Schauspieler*in Karin Hanczewski („Tatort“) und ihrem Kollegen Godehard Giese („Babylon Berlin“) über ihre Initiative gesprochen: Die bewegende Entstehungsgeschichte, die Reaktionen und was nun passieren soll. Der von queer.de präsentierte QUEERKRAM-Podcast lässt sich auch auf allen großen Podcast-Portalen und Apps abspielen.

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Weitere Beiträge zum Thema: 

Meine Gegenrede zu Sandra Kegels FAZ-Artikel.

 

Hier der Ursprungsbeitrag zum Thema #Actout:

Schauspieler*innen-Coming-out: Der Kampf beginnt erst jetzt!

Weitere Beiträge zum Thema:

Queer in den Medien: Homosexualität ist keine Privatsache!

(Rede zur Gründung der Queer Media Society)

Im Theatermagazin habe ich 2018 über Homophobie in Theater, Fernsehen und Film geschrieben und Coming-outs von Schauspieler*innen geschrieben. Ich bin sehr froh, dass sich die Überschrift von damals jetzt überholt hat. Sie lautete:

Jeder springt für sich allein.

Dossier: Alle Beiträge zur Homophobie der FAZ


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