Gestern Nacht hat mich der Sprecher der Bundesregierung nach meinem Interview in den Tagesthemen angeschrieben:
„Da Sie gerade sehr bestimmt über die Äußerungen des Bundeskanzlers beim CSD-Gedenken geurteilt haben, erlaube ich mir, Ihnen das Trankript der Rede in der Marienkirche zuzusenden. Ihre Behaupten werden m.E. widerlegt. Es würde mich freuen, wenn Sie Ihr Urteil aus der Breite der verfügbaren Quellen fällen.“
Hier mein Interview: https://www.tagesschau.de/tagesthemen/video-1621134.html
Und hier meine Antwort an den Staatssekretär im Kanzleramt und Sprecher der Bundesregierung Stefan Kornelius:
Sehr geehrter Herr Staatssekretär,
vielen Dank für Ihr Schreiben, das Sie mir gestern Nacht nach meinen Äußerungen in den Tagesthemen zukommen ließen.
Mein Interview dort wurde, wie dort auch kenntlich gemacht wurde, bereits am frühen Abend am Tatort des Attentats aufgezeichnet, sodass ich von den Äußerungen des Bundeskanzlers in der Marienkirche noch keine Kenntnis hatte. Da Sie mich gebeten haben, mein Urteil aus der ‚Breite der verfügbaren Quellen‘ zu fällen, möchte ich dies gerne tun.
1.) Es ist mir unbegreiflich, dass es fast einen ganzen Tag gedauert hat, bis der Bundeskanzler sich überhaupt direkt an die queere Szene gerichtet hat, der dieser Anschlag offensichtlich gegolten hat. Stattdessen von einem Anschlag auf ‚unsere Gesellschaft‘ zu sprechen, klingt solidarisch, ist aber das Gegenteil. Es verschleiert nicht nur die Intention des Attentats, es negiert auch, warum es CSDs überhaupt geben muss. Es war eine Attacke auf unsere Sichtbarkeit – und ausgerechnet in einem solchen Moment verweigert der Bundeskanzler der queeren Community diese Sichtbarkeit.
2.) Dass der Bundeskanzler in seiner Gedenkrede für die queeren Opfer auch die queere Community anspricht, ist sicherlich ein Fortschritt. Trotzdem bestärken mich auch diese Äußerungen in dem, was ich in den Tagesthemen gesagt habe. Denn selbst hier gelingt es dem Bundeskanzler nicht, einmal das explizite Leid und die explizite Situation der Community zu würdigen. Stattdessen spricht er auch hier von *unserer Freiheit*, von *Intoleranz* und *Ausgrenzung*, die durch *Diskriminierung, dumme Redensarten, schlechte Witze‘ gefährdet würden.
Lieber Herr Kornelius, muss man dem Bundeskanzler und Ihnen wirklich erklären, dass es hier nicht vordergründig um „unsere“ Freiheit, also die Freiheit der Gesamtgesellschaft, geht, sondern um die Freiheit queerer Menschen? Muss man dem Bundeskanzler und auch Ihnen wirklich erklären, dass es CSDs heute immer noch geben muss, weil diese Freiheit eben nicht nur durch Islamisten, sondern auch durch die Intoleranz und Ausgrenzung in der Gesellschaft bedroht wird? Warum schafft es der Bundeskanzler nicht, dies zumindest an einem solchen Tag einmal auszusprechen?
3.) Zu einem Urteil aus der ‚Breite der verfügbaren Quellen‘ gehört auch, dass ich bis heute keine Quelle gefunden habe, in der der Bundeskanzler sich öffentlich für seine Aussage von 2020 entschuldigt hat, die Homosexualität in direkten Zusammenhang mit Pädophilie stellt. Zu Ihrer Erinnerung: Damals wurde Friedrich Merz gefragt, ob er sich einen homosexuellen Bundeskanzler vorstellen könne. Seine Antwort lautete:
‚Solange sich das im Rahmen der Gesetze bewegt und solange es nicht Kinder betrifft – an der Stelle ist für mich allerdings eine absolute Grenze erreicht –, ist das kein Thema für die öffentliche Diskussion.‘
Mir ist keine Äußerung eines Spitzenpolitikers jenseits der AfD in den letzten Jahren bekannt, die auf ähnliche Weise Vorurteile gegen homosexuelle Menschen schürt. Daran, dass die Hemmschwelle gegenüber queeren Menschen in den letzten Jahren so gesunken ist, hat der Bundeskanzler einen klaren Anteil, zumal er immer wieder betont hat, dass an dieser Aussage nichts zurückzunehmen sei. Ich hoffe, Sie verstehen, wie gefährlich diese und andere nicht revidierte Äußerungen des Bundeskanzlers für die gesellschaftliche Stimmung gegenüber queeren Menschen sind.
In der Rede des Bundeskanzlers, die Sie mir geschickt haben, fordert er uns auf: „Zeigen Sie den Gegnern unserer Gesellschaft das fröhliche und das einvernehmliche Gesicht einer offenen, freiheitlichen und liberalen Gesellschaft.“
Lieber Herr Kornelius, es wäre wirklich schön, wenn der Bundeskanzler in Zukunft dabei ein Teil der Lösung und nicht des Problems sein könnte. Danke, dass Sie mich darauf aufmerksam gemacht haben.
Mit freundlichen Grüßen
Johannes Kram