Auf jede Schwule Ehe stolz sein!

Es geht nicht um Sinn oder Unsinn der Ehe generell. Auch nicht darum, sentimental an alten Mustern schwulen Lebens festzuhalten. Die Gefahr bei den Homo-Ehe-Gegnern unter uns ist gross, mit Denkmustern zu sympathisieren, die dazu geführt haben, dass uns unsere Rechte verweigert werden. Ob wir nun das Recht zu heiraten wahrnehmen oder nicht: Wir bekommen nur das, was uns längst gehört.

Ein Kommentar von Johannes Kram

aus: "Männer" Juni 2013
aus: „Männer“ Juni 2013

Eine Talkshow Anfang der Nuller Jahre, als in Deutschland erstmals in breiter Öffentlichkeit darüber diskutiert wurde, ob die Ehe auch für Schwule und Lesben gelten solle, ist mir in Erinnerung geblieben. Dort sass eine Frau, ich schätze sie war Mitte 30, sie argumentierte nicht politisch, sie hetzte nicht gegen Schwule und Lesben, sie zitierte weder die Bibel, noch machte sie sich Sorgen darüber, ob es in Deutschland weniger Kinder geben werde, wenn auch Homosexuelle heirateten könnten.

Sie sprach einfach nur über sich selbst. Wenn sie jemandem sage, dass sie verheiratet sei, so ihr Argument gegen die Öffnung der Ehe, wolle sie in Zukunft nicht in der Situation sein, erklären müssen, ob sie dies mit einem Mann oder einer Frau sei. Dies empfände sie als eine Zumutung.

Ich weiss noch, wie ich mich dagegen wehrte, aber irgendwie konnte ich diese Frau verstehen. Sie argumentierte nicht moralisch, nicht darüber, ob eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft weniger wert sei als die unter Heteros. Sie verwahrte sich nur dagegen, dass man ihr etwas weg nimmt, nämlich Eindeutigkeit ihres „Familienstatus“.

In diesen Wochen sieht es so aus, als ob die vollständige Öffnung der Ehe für homosexuelle Paare  ganz bald Wirklichkeit werden wird. Das grosse Ziel, noch vor weniger als zwanzig Jahren wie unerreichbar, ist jetzt mit Händen zu greifen. Doch obwohl die Party über den Sieg noch gar nicht begonnen hat, herrscht unter Schwulen und Lesben schon jetzt so eine Art Katerstimmung.

Besonders die Schwulenszene kommt mir in diesen Tagen manchmal so vor wie ein kleiner Junge, der sich so lange schon das grösste Spielzeug im Schaufenster gewünscht hat aber nie wirklich daran geglaubt hat, dass es es jemals bekommen würde. Und jetzt, kurz vor der Bescherung ahnt der Junge, dass es doch so kommen wird, und ihm wird klar, dass er bald zugeben muss, dass das Spielzeug doch nicht so ganz das Richtige ist.

Wird es am Ende sogar so sein, dass sich die Heteros mehr über die Homo-Ehe freuen als wir? War der Kampf der vergangenen Jahre nur eine Art Trotz, ja, ja, ich will!! ? Oder ein Symbol? Aber für was? Gleichheit?

Es mehren sich die Stimmen, die sagen, dass der Kampf um Gleichheit ein Fehler war. Schwule sind eben nicht gleich, ihr Sex, ihre Beziehungen und Partnerschaften sind anders als die von Hetero-Paaren. Es war ein harter Kampf, anders sein und anders lieben zu dürfen, warum soll da ausgerechnet eine Institution, die auf einem Treue-Versprechen beruht, das grosse Ziel sein!?

Warum soll der Staat ausgerechnet die auf einer sexuellen Beziehung basierende Liebesbeziehung von zwei Menschen besser stellen? Warum nicht die von drei Menschen? Oder die von zwei Menschen, die für sich sorgen wollen, aber sich sexuell überhaupt nicht nahe stehen? Was mischt sich der Staat da überhaupt ein?

Um es vorweg zu sagen: Ich finde diese Argumentation logisch. Ich finde sie sogar richtig. Aber ich  lehne sie trotzdem ab.

Es gibt Vieles in unserem Land, das nicht logisch ist. Warum ist die Droge Alkohol nicht nur erlaubt sondern wird in ihrer Verbreitung, wie etwa im Weinbau, sogar gefördert, während der Cannabis-Anbau streng verboten ist? Wieso fliesst ein Großteil der staatlichen Kulturförderung ausgerechnet in Opernhäuser, obwohl sich nur wenige Bürger für diese Sparte interessieren? Wieso entscheidet in Deutschland der Staat darüber, nach welchen Kriterien Bier gebraut werden darf aber nicht darüber, wann sich jemand ein Journalist nennen darf?

All das könnte man ändern. Man könnte auch die Rolle des Staates gegenüber der Ehe hinterfragen. Vielleicht sollte man das sogar. Aber ich sehe nicht ein, dass dies ausgerechnet jetzt geschehen soll! Jetzt, wo die Ehe für Schwule und Lesben endlich möglich wird.

Ja, die Ehe ist inkonsequent. Ja und? Konsequent in Sachen Ehe hiess für Lesben und Schwule bis jetzt: konsequent draussen. Jetzt geht es darum, drin zu sein! Gleiche Rechte bedeutet auch das gleiche Recht auf Inkonsequenz. Warum sollte es jetzt unsere vordringlichste Aufgabe sein, darüber nachzudenken, mit welchen ehe-überwindenden Rechtsmodellen man die Gesellschaft, den Staat langfristig besser machen kann? Warum wollen ausgerechnet wir, die wir immer zum Hinterher-Reiten gezwungen worden sind, jetzt  einen Wettbewerb im Vorreiten anzetteln?

Die Frage ist: Warum können wir nicht einfach nehmen, was uns zusteht?

Die Gleichstellung der Ehe ist eine Zumutung. Sie ist eine Zumutung für Heteros. Aber sie ist es auch für  Lesben und für Schwule. Vielleicht sogar für Schwule noch mehr. Und ganz genau deshalb bin ich so dafür.

Der kleine Junge, der wir sind, muss endlich verstehen lernen, dass das bunte Spielzeug hinter dem Schaufenster kein Geschenk ist, das man uns gibt. Solange Heteros Heteros heiraten dürfen ist die  Ehe ist kein Zugeständnis der Heteros an uns. Wir bekommen nur das, was uns längst gehört.

Jahrelang haben wir das gefordert. Aber haben wir es wirklich geglaubt? Tut mir leid, aber mir kommt es langsam so vor, dass die, die jetzt gegen die Homo-Ehe polemisieren, unter einer Art Stockholm-Syndrom leiden. Dass sie also gar nicht merken, wie sehr sie mit den Denkmustern sympathisieren, die dazu geführt haben, dass uns unsere Rechte verweigert werden.

In der letzten „Männer“ schrieb Paul Schulz:

„Durch das bloße Vorhandensein des Lebenspartnerschaftsgesetzes entsteht der Eindruck, schwule Männer wären in einer übergroßen Zahl überhaupt daran interessiert, sich in eheähnlichen, öffentlich legitimierten Zweierbeziehungen zusammenzufinden. Was, wenn man sich die (…)  Zahlen auch nur oberflächlich anguckt, gar nicht stimmen KANN. Sie hatten ja jetzt lange genug Zeit, es zu tun, und haben es nicht getan. Warum eigentlich nicht?“

Ja, warum eigentlich nicht? Und was meint er mit „lange genug Zeit“ ? Seit gut zehn Jahren gibt es diese Murx-Ehe, die nicht einmal so heissen darf. Es ist das Jahrzehnt, in dem „Schwule Sau“ das beliebteste Schimpfwort auf deutschen Schulhöfen ist, die TV-Unterhaltung von Leuten wie Stefan Raab und Oliver Pocher geprägt ist, die keine Sendung machen können, ohne eine Pointe, die darauf basiert, dass Schwulsein komisch ist.  Obwohl es erstmals geoutete Spitzenpolitiker gibt ziehen es fast alle schwulen Spitzenleute in Sport und Wirtschaft vor im Schrank zu bleiben, um ihre Karriere nicht zu gefährden.

Und was sind zehn Jahre gegen eine ganze Menschheitsgeschichte, deren Erzählmuster zu einem entscheidendem Teil aus dem Prinzip „Boy meets Girl“ besteht? Schon bevor wir überhaupt lesen und schreiben konnten, hat man um uns herum eine Welt gebaut, die von Adam und Eva, Prinzen und Prinzessinnen und Mama-Papa-Familien in Kinderbüchern bestimmt wird.

Ich finde, wir sollten auf jede schwule Hochzeit stolz sein.

Ich weiss nicht, ob die Ehe unter Schwulen jemals auch nur Ansatzweise die Bedeutung haben wird, die sie bei Heteros noch hat. Aber was wäre so schlimm daran? Kann es sein, dass wir uns gerade unterbewusst Druck aufbauen? Dass wir irgendwie das Gefühl haben, die Klappe etwas zu weit aufgerissen zu haben und jetzt schon präventiv dafür rechtfertigen, dass die Homo-Ehe kein „Erfolg“ werden wird?

Wir müssen uns eines klar machen:

Für den Erfolg der Homo-Ehe ist es ganz egal, wie viele Menschen sie tatsächlich nutzen werden. Die Afroamerikanerin Rosa Parks hat sich 1955 nicht deshalb dafür entschieden, sich im Bus in den für Schwarze verbotenen vorderen Teil zu setzten, weil sie lieber vorne sitzt. Sie tat es, ganz einfach, weil es möglich sein musste.

Niemand kommt auf die Idee die Bedeutung der  Reisefreiheit, die sich die Ostdeutschen in ihrer Revolution erstritten haben, daran zu messen, wie viele sie dann tatsächlich genutzt haben. Ein Recht muss man sich nicht verdienen. Und man muss es nicht nutzen, um es zu legitimieren. Aber man muss wissen, dass man es hat. Tun wir das? Haben wir wirklich Rosa von Praunheims Maxime verstanden, dass es nie wir waren, die falsch waren, sondern immer die Situation, in der wir leben mussten?

Die rechtliche Gleichstellung ist eine Zumutung an unser Denken und unser Fühlen, weil es nicht mehr ausreichen wird, immer nur Opfer oder Avantgarde zu sein.

Wir müssen es aushalten können, dass unser anders sein normal ist. Wir müssen lernen, dass wir uns nicht rechtfertigen für das, was wir sind. Wir müssen aufhören, uns für die bunten Vögel in unseren Reihen zu schämen, für die Federboa-Tunten, die akkuraten FDP – Schwulen, die Ledermänner. Oder dafür, dass wir mehr oder anders Sex haben.

Wir müssen nichts mehr beweisen, nicht mehr artig sein. Die Heteros sind es auch nicht.

Das Recht auf Ehe ist nicht deshalb so wichtig, weil wir heiraten wollen, sondern weil das heiraten können in unserer Gesellschaft Teil der bürgerlichen Existenz ist. Es geht darum, vollständige Bürgerrechtsbürger zu sein. Es geht um den „Point of no Return“:

Auch wenn jetzt niemand heiraten wird: Einen Mann lieben zu dürfen, das nimmt uns niemand wieder weg! Fast keines der schwarzen Kinder, die heute in den USA leben, wird irgendwann einmal amerikanischer Präsident oder Präsidentin werden. Aber alle wissen, dass sie es könnten.

Was die Ehe aus Lesben und Schwulen machen werden wird, können wir heute nicht sagen. Genau so wenig, wissen wir, was Lesben und Schwule aus der Ehe machen werden.

Aber dieses Jahr werden in Deutschland noch tausende kleine Jungen geboren werden, die irgendwann mal anfangen werden, Männer zu lieben, und auch sehr viele kleine Mädchen, die Frauen lieben werden. Sie sollen sich mehr vorstellen können als wir es heute vermögen. Deswegen werden wir den Eltern dieser Kinder mit voller Überzeugung zumuten, dass das mit der Eindeutigkeit ihres Familienstatus Geschichte ist.

Dieser Beitrag erschien zuerst als Titel-Kommentar der aktuellen Ausgabe des monatlichen Magazins  „Männer“. Als Teil einer Debatte ist er das Plädoyer für die „Homo-Ehe“. Die Gegenposition im gleichen Heft formuliert Dirk Ludigs. Ebenfalls zum Thema äussert sich Heiner Geißler: „Das Grundgesetz schützt auch Ehen, die keine Kinder haben“.

4 “Kommentare ”

  1. „Die Gleichstellung der Ehe ist eine Zumutung. Sie ist eine Zumutung für Heteros…“
    Wie bitte, also ich kenne nicht einen Hetero, auch keine eher konservativen Heterosexuellen, der/die das bestehende Ehe-Verbot für gleichgeschlechtliche Paare befürwortet oder es als Zumutung empfände, dürften auch Homos heiraten.
    Was der starre Blick auf die „Homo-Ehe“ bewirkt, kann man heute sehr wohl schon sagen: Konservative Kräfte werden es als Endsieg feiern, die Öffnung der Zivil-Ehe wird deshalb kein Schritt nach vorne, sondern einer wirklichen Verbesserung im Wege stehen. Deshalb bin ich eher gegen eine Anpassung ans Falsche:
    http://reiserobby.de/ehe-ist-doch-doof-wider-der-anpassung-ans-falsche/

  2. @ Robert: ich weiss nicht, ob Du den Beitrag ganz gelesen hast, aber um Anpassung geht es hier wirklich überhaupt nicht.

  3. „Es geht darum, vollständige Bürgerrechtsbürger zu sein.“ Wenn das nur mit der Ehe möglich sein soll, wenn das so postuliert wird, dann geht es um Anpassung ans Falsche, die einer Gleichstellung letztendlich im Wege steht, weil die Zivil-Ehe nur Pärchen schützt, vor allem deren Eigentum.

  4. Nochmal: Es geht nur um die rechtliche Gleichstellung und nicht darum, ob sich Schwule und Lesben an irgendetwas anpassen sollen oder nicht. Jeder soll dürfen können, was er will oder es auch bleiben lassen, ganz egal ob es der Kirche, der CDU oder Dir passt. Wie Du oder ich zur Ehe stehen ist doch ganz egal. Ich finde es ist anmassend, Leuten sagen zu wollen, was richtig oder falsch ist. Deine Argumentation ist die der Homo-Hasser.

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