Gute Homos, böse Flüchtlinge

Wenn in diesen Tagen etwas für Homosexuelle gesagt wird, dann oft, um  etwas gegen Flüchtlinge zu sagen. Aber natürlich nicht so direkt.

So wie ZEIT-Kolumnist Harald Martenstein.

Er ist der Meinung, die Deutschen müssten zu den Zuwanderern sagen:

„Das sind wir. Das ist unsere Lebensweise. Ihr müsst sie akzeptieren, nur dann dürft ihr bleiben.  Ihr müsst eure Kultur nicht aufgeben, das nicht. Aber ihr müsst die Gleichberechtigung der Frau akzeptieren, ihr müsst lernen, dass Homosexuelle und Juden Menschen sind wie ihr, ihr müsst Spott und Satire aushalten, sogar, was eure Religion betrifft. Kinder haben Rechte. Das Gesetz steht über der Familiensolidarität. Solltet ihr diese Regeln nicht akzeptieren, habt ihr hier keine Zukunft.“

Fast möchte man ihm glauben, dass es ihm wirklich um Frauen, Juden, Kinder und ja, Homosexuelle ginge. Doch nicht nur die Treffsicherheit, mit der Martenstein über das Ziel hinausschiesst …

„Was ihr zu Hause über Richtig und Falsch gelernt habt, müsst ihr vergessen.“

… lässt erahnen, dass es Martenstein nicht um Integration geht, sondern um Zurechtweisung.

Gegenüber den Zuwanderern müssten die Deutschen, so Martenstein

“ …  selbstbewusst, autoritär und auch hart sein.“

Selbstbewusst, klar. Und warum nicht auch konsequent und fordernd? Aber autoritär und hart? Wichtiger als das Ziel eines friedlichen und respektvollen Miteinanders scheint ihm die Härte zu sein, mit dem dieses erreicht werden muss. Es geht Martenstein nicht darum, wie man Flüchtlingen begegnet, um ihnen den Weg in unsere Gesellschaft zu erleichtern. Es geht ihm darum, dass es ein autoritärer Weg sein muss.

Natürlich wird es nicht einfach werden, so viele Menschen mit unterschiedlicher kultureller Bindung in unsere Gesellschaft zu integrieren. Aber wer das wirklich will, der darf Flüchtlinge nicht bevormunden, sie nicht zu einer homogenen Gruppe erklären, und erst recht nicht zu einer, die aus einem falschen Leben kommt. Wer das wirklich will, der darf sich nicht an eine Gruppe wenden, sondern an einzelne Menschen, der muss alles dafür tun, dass diese Menschen möglichst viel darüber lernen können, was uns an Gleichberechtigung, Vielfalt und selbstbestimmtem Leben wichtig ist.

Ja, wer das wirklich will, muss jetzt mit aller Härte nicht gegen Flüchtlinge kämpfen, sondern dafür, dass in den Schulen aller Bundesländer sexuelle Vielfalt, die Akzeptanz von Minderheiten selbstverständlicher Teil des Unterrichts ist.

Doch dazu ist von Martenstein nichts zu hören. Seine Agenda ist das Gegenteil, nur wenige deutsche Autoren streiten leidenschaftlicher für das Betonieren von Geschlechterdifferenzen wie Martenstein.

Menschen, die sich im Zurechtweisen von Flüchtlingen gefallen, denen gefällt in der Regel auch das Zurechtweisen anderer Minderheiten und gesellschaftlichen Gruppen. Solchen Menschen geht es weder um Flüchtlinge, Frauen, Homosexuelle oder sonstwen. Es geht ihnen um das Zurechtweisen an sich. ♦

4 “Kommentare ”

  1. Da viele meiner schwulen Freunde und ich eingeschlossen von Menschen mit islamischen Kulturhintergrund beleidigt und einige von Ihnen sogar bespuckt wurden, lehne ich Ihren Beitrag ab. Sehr wohl ist es so, dass gerade auch homosexuelle Menschen durch die Einwanderung aus dem arabischen Raum sehr negative Erfahrungen mit diesen Flüchtlingen sammlen.

    Ich finde es als schwuler Mann eine Zumutung, wie sie hier dieses Thema tabuisieren, und das stößt bei mir als schwulem Mann auf entschiedenen WIderspruch, weil mich und andere schwule Männer sehr negative Erfahrungen im Umgang mit Menschen aus dem arabischen Kulturkreis gelehrt haben, diese Einwanderungsgruppe im Unterschied zu Menschen, die aus Thailand, aus Vietnam, aus Australien oder aus Südamerika zu uns kommen, sehr homophobe Einstellungen mit sich bringen.

  2. Es ist schon richtig, dass das Zurechtweisen an sich eine Stilform ist, die in Deutschland ob seiner Ordnungs- und Regelsucht beliebt erscheint.

    Beim ganzen Willkommens-Ruf an die Flüchtlinge als neue, zukünftige Mitbürger darf man aber zwischen autoritärem Lenken und der Kritik am Ton nicht vergessen :

    Auch in den Ländern, aus denen die Flüchtlinge kommen, gibt es Landes-Sitten und ein Gastrecht. Wer da zu häufog über die Regeln hinweg geht, wird Probleme bekommen.

    Diese Sitten und unser Gastrecht, darauf sollte man auch Flüchtlinge vorbereiten. Sie hätten sich, wenn sie dieses nicht akzeptieren können, auch andere Länder für ihre Zukunft aussuchen können. Das mag arrogant klingen, ist es aber gar nicht gemeint. Denn man darf vermuten, dass zumindest die Menschen aus größeren syrischen Städten mit der Information vertraut waren, wie Gesellschaft in Westeuropa gestrickt ist, und dass man hier einen recht moderaten Umgang pflegt.

    Man muss sich auch fragen dürfen, warum sich Flüchtlinge mehr Sorgen um religiöse Konflikte machen, als darum, ihr grundlegendes Leben hier einzurichten, und anstatt dauernder Forderungen nach extra dies und extra so, etwas wie Zufriedenheit oder Geduld praktikabel ersehen mögen.

    Das sollte man in ein etwaiges Verhältnismaß stellen, bevor bald wieder der hässliche Deutsche aus der Mottenkiste gekramt wird.

    M.f.G.

    P. Naish

  3. Es ist richtig, dass manchen Autoren und Politikern die Achtung vor Würde und Rechten von Schwulen nur dann und nur so lange am Herzen liegt, wenn und wie sie damit den Islam kritisieren oder verurteilen oder Anpassung von Einwanderern an unsere Rechts- und Gesellschaftsordnung fordern können, obwohl sie sich gegen kath. Kirche oder evangelikale Prediger oder Angela Merkel und Konsorten nicht positionieren, wenn es um die Durchsetzung der Rechte von Schwulen und Lesben geht. – Nur: Das macht ihr Argument als solches nicht falsch und die Auseinandersetzung mit islamischer Intoleranz nicht weniger notwendig. Die gestrigen Ausführungen des Bundespräsidenten zur Gleichberechtigung der Frauen und von Schwulen und Lesben, die auch von eingewanderten Muslimen anerkannt werden muss, zeigen das. Herr Martenstein mag ein Heuchler sein (ich kenne ihn nicht, aber ich kenne Leute, die sich so verhalten, wie es ihm hier vorgeworfen wird), seine Aussage ist indes richtig. Er muss sie allerdings gegen Christen, „Besorgte Eltern“ und die Regierungsparteien mit gleicher Schärfe richten. Und: „Respektvolles Miteinander“ kann es mit Schwulenhassern nicht geben, nicht mit katholischen, nicht mit evangelikalen, nicht mit islamischen. Für Hass gibt es keinen Respekt.

  4. Im Prinzip ist es natürlich richtig dass sich Flüchtlinge an die geltenden Gesetze zu halten haben und Andersdenkende tolerieren müssen. Dass sich jetzt aber gerade Konservative als die Behüter von Frauen- und LGTB-Rechten auftun ist Heuchelei und Hohn pur. Deren Ideologie ist doch in vielen Bereichen identisch mit der von konservativen Moslems.

    Wenn es nach der Union gehen würde, wäre die Vergewaltigung in der Ehe immer noch straffrei. Die gesamte männliche Führungsriege der CDU/CSU (die heute immer noch größtenteils unverändert an der Macht ist) hat zusammen mit rechts-außen Frauen wie Erika Steinbach Ende der 90er dagegen gestimmt das zu ändern. Und dass mit christlich-fundamentalistischem Schwachsinn wie dass sich Ehefrauen verpflichtet haben immer Sex zu haben oder dass dies von Frauen nur als Einwand verwendet werden würde eine Abtreibung zu haben.
    Bei LGTB-Rechten hat man auch schon immer jeden auch noch so winzigen Fortschritt versucht zu verhindern.

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