Machtdemonstration: LSVD boykottiert Nollendorfblog wegen „wenig seriöser“ Berichterstattung

Im August erschien die letzte Ausgabe der „Du und ich“, eines der beiden noch übrig gebliebenen monatlichen journalistischen schwulen Verkaufsmagazine. Jetzt gibt es nur noch „Männer“, und auch dort wird um das Überleben gekämpft. Der Bruno Gmünder Verlag hat Insolvenz angemeldet.  Dass es die „Siegessäule“ in Berlin schafft, kostenlos und trotzdem publizistisch streitbar und relevant zu sein, darf man den Macherinnen und Machern nicht hoch genug anrechnen. Ausser „Männer“ und dem „Special Media Verlag“, in dem ausser der Siegelsäule noch das richtig gut gemachte Lesbenmagazin L-mag erscheint,  gibt es mit der blu  Mediengruppe (blu, rik, hinnerk, gab und Leo)  nur noch einen weiteren Print-„Anbieter“, dessen Erzeugnisse breite Aufmerksamkeit finden.

Auch wenn das kürzlich gestartete Online-Angebot der „Männer“ sich erstaunlich schnell etablieren konnte, bleibt queer.de das einzige queere journalistische Internetangebot, das in der Lage ist, eine publizistische Grundversorgung für LGTBI* zu bieten.

Hinter diesen Formaten stecken meist unterbezahlte und überqualifizierte Journalistinnen und Journalisten,  die oft täglich dafür kämpfen müssen, „ernste“, wichtige Themen gegen seichtes und Gefälliges durchsetzen zu müssen. Für aufwändige Recherchen fehlt meist die Zeit und das Geld.

Dies führt zu einer Situation, dass die Institutionen der LGTBI*-Community eine weitgehend zahnlose LGTBI*-Presse gegenüber haben. Hinzu kommt, dass die wenig verbliebenen Medien zwar von Werbung abhängig sind, aber nur auf einen kleinen Kreis zahlwilliger Anzeigenkunden zurück greifen können. Zu diesen wenigen Geldgebern zählen ausgerechnet diese Institutionen, die öffentliches Gelder für ihre Kampagnen zur Verfügen haben und mit diesem dazu beitragen, dass die wenigen verbliebenen LGTBI*-Medien überleben können.

Angesichts dieser Abhängigkeiten ist es erstaunlich, wie viel Eigenständigkeit und Unabhängigkeit sich lesbische und schwule Medienmacher in Deutschland leisten. Ob diese Freiheit jedoch dazu ausreicht, diesen Organisationen durch umfassende und grundsätzliche kritische Betrachtung  so sehr auf die Finger zu gucken, dass es ihnen wirklich unangenehm wird, darf bezweifelt werden.

Zumindest der LSVD hat heute deutlich gemacht, dass er nur den Medien Auskunft geben möchte, dessen Berichterstattung er für angemessen hält. Man darf sich also vorstellen, wie der LSVD seine staatlich subventionierte Macht ausspielt, wenn es um das Verteilen von Anzeigen-Geldern geht.

Gestern habe ich darüber berichtet, dass der LSVD diesem Blog keine Auskunft darüber geben möchte, wie er mit öffentlichen Geldern umgeht. Heute antwortet der Verband. Zwar nicht mir, aber der Redaktion der „Männer“, die das Thema aufgegriffen hatte:

„…Darüber hinaus ist uns Herr Kram bereits seit längerem durch wenig seriöse Berichterstattung aufgefallen.“

So, und jetzt liebe Schreiberkolleginnen- und Kollegen hätte ich gerne etwas Solidarität! ♦

Nachtrag: Der Bloggerkollege von „Samstag ist ein guter Tag“ findet klare Worte:

Transparenz sieht anders aus! Der LSVD bzw. das von ihm initiierte Bündnis gegen Homophobie umgibt sich stattdessen mit einer Attitüde, die man eher von der FIFA oder vom IOC kennt.

8 “Kommentare ”

  1. Ich wünsche mir hier ebenfalls mehr Souveranität auf Seiten der Non-Profit-Organisationen. Die Situation ist allerdings kein Stück besser bei den kommerziellen Anzeigenkunden, wo ich viel häufiger Einschüchterungsversuche u.a. mit Anzeigenentzug oder Nichtauslage des Mediums erlebt habe.

    Und eines muss man hier klarstellen: Es mag nicht mehr so ultraviele Anzeigenkunden geben, aber der LSVD und andere Selbsthilfeorganisationen wie Aidshilfen etc. haben bei keinem LGBT-Print-Medium bei dem ich bisher involviert war (Pink Power, Queer, EXIT, FLASH) mehr als 25% der Einnahmen ausgemacht. Den entsprechenden Einfluss sollte man also deutlich relativieren. Der LSVD selbst hat in meinem Umfeld auch keinen Druck auf Print-Medien ausgeübt oder gar eine Verknüpfung von Anzeigenschaltungen mit wohlgefälliger Berichterstattung vorgenommen. Ich denke, das wäre mir auch zu Ohren gekommen. Und das Anzeigenvolumen des LSVD lag bei EXIT und FLASH nie höher als 1% des Gesamtumsatzes. Die Bedrohungen für LGBT-Journalismus liegen m.E. woanders!

    Aber ich freue mich über die Diskussionsanstöße des Nollendorfblogs und die gelebte Meinungsfreiheit hierzulande. Und ein findiger Journalist findet die gewünschten Informationen sicher auch auf inoffiziellem Wege. 😉

  2. Ich bin kein Schreiberling, werde aber meine Solidarität mit Dir durch meinen Austritt beim LSVD zeigen. Mir ist diese Art von Arroganz unerträglich, und erweckt den Verdacht, als hättest Du genau ins Schwarze getroffen.

  3. Hat sich einer von euch überhaupt mal die Antwort richtig gelesen? Finde die Argumente des LSVD eigentlich ganz nachvollziehbar. Außerdem wird deutlich, dass der Nollendorf-Blog und Männermagazin wohl inhaltlich (ging es nicht darum?) ziemlich daneben lagen. Davon erfährt man hier leider nichts. Liegt der LSVD wohl in seiner Einschätzung was Eure Seriosität angeht nicht so schief, was?!

  4. Entschuldigung, aber die Kritik an Motiv und Slogan ist in diesem Blog einfach nur auf BILD-Niveau gewesen. Und um es mal ganz klar zu sagen: Die persönlichen Eitelkeiten die seitens des „Hobbybloggers“, des Männer-Chefredakteurs und des LSVD-Vorstands öffentlich mit Hingabe gepflegt werden sind abgrundtief lächerlich. Ich kenne keinen der eben genannten persönlich, aber wenn dieses aufgeführte Theater eines ist, dann authentisch und transparenter als es den Betreffenden lieb sein sollte. Solidarität? Wofür? Die Pressefreiheit wird durch diesen Vorfall nicht untergehen. Publizistische Solidarität muss man sich verdienen. Davon ist dieses boulevardeske Blog im Moment leider Meilenweit entfernt.

  5. Es ist interessant, wie die Produkte im Internet, die so viele Schwule anziehen, jenseits von Transparenz sind! Transparenz kann sich eine Organisation geben, aber nicht ein Privatanbieter ist dazu verpflichtet! Das sollte sich mal jede Schwester durch die Ohren ziehen! Ganz zu schweigen von der Datensicherheit! („Wir haben mal wieder unsere server aufgerüstet…“)

  6. Au weia. Da bekommt man ja eher Lust, in den LSVD einzutreten und das „Männer Magazin“ abzubestellen, wenn man das liest. Statt auf die Fehlinformation des ersten Blogbeitrags mit den angeblich verschwendeten 30.000 EUR einzugehen zieht man sich plötzlich an der Abgrenzung Blog/Medien hoch. Leider ist das hier, wieder der LSVD hier zu Recht sagt -unseriös-.

  7. unseriös ist es vor allem, der diskussion auszuweichen und sich zu weigern, mit allen kritikern sachlich zu diskutieren, das vermag bisher offenbar weder der lsvd noch dessen fans …

  8. Pingback: Possenspiel um den LSVD | Steven Milverton

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