Liebe Bundestagsabgeordnete der Union …

Liebe Bundestagsabgeordnete der Union,

falls Sie am Freitag gegen die „Ehe für alle“ stimmen möchten, oder Sie sich noch nicht sicher sind, möchte ich um ein paar Minuten ihrer Zeit bitten.

Ich weiß, dass viele Ihrer Wähler ein Problem mit der Öffnung der Ehe haben. Und genau deshalb möchte ich Sie bitten, dafür zu stimmen. Tun Sie es nicht für Lesben und Schwule. Tun sie es für die, die mit ihnen ein Problem haben, und wenn es nur das ist, dass sie sie sich nicht als Eheleute vorstellen können. Denn: Lesben und Schwule werden Eheleute sein. Sie als Politiker wissen das. Und sie wissen auch aus ihren Reisen durch das westliche Ausland, dass das nirgendwo ein Problem ist, auch weil die allermeisten, die damit ein Problem hatten, sich sehr schnell daran gewöhnen konnten.

Sie haben also jetzt zwei Möglichkeiten: Sie können Menschen, die es bisher anders als die große Mehrheit dieses Landes nicht geschafft haben, ihre Ressentiments gegen Homosexuelle (oder deren Ehetauglichkeit) zu überwinden, in diesen Ressentiments bestärken. Oder sie können ihnen helfen, diese zu überwinden. Ich finde, dass es anständig wäre, ihnen zu helfen. Und ja: Ich finde es unanständig so zu tun, als könne man die Zeit einfach anhalten, als hätte man ein Recht darauf, dass alles so bleibt wie es ist. Als könnte es so sein. Als wäre es jemals so gewesen.

Die Ängste der Menschen ernst zu nehmen heißt nicht, diese zu schüren. Sie wissen, dass es diesen Menschen nicht schlechter gehen wird, wenn Homosexuelle die gleichen Rechte haben werden wie sie. Sie wissen, dass deshalb nicht weniger Kinder geboren werden, und dass die Kinder, die in Zukunft geboren werden, in einer angst-freieren Welt leben werden, dass es für alle eine gesündere Welt werden wird. Ich glaube, diese Menschen werden es verstehen, wenn man ihnen den Zusammenhang erklärt, den es in Gesellschaften mit einer „Ehe für alle“ gibt und den sinkenden Selbstmordraten unter queeren Kindern und Jugendlichen, und ich glaube, man müsste ihnen nicht einmal erklären, dass es auch ihre Kinder oder Enkelkinder sein könnten. Ich traue ihren Wählern das zu. Und ich finde das sollten sie auch.

Wenn sie sich wirklich diesen Menschen verantwortlich fühlen, dann sollten Sie derjenige sein, der ihnen das erklärt. Sie können von ihren Zweifeln und Vorbehalten berichten und dafür werben, diese gemeinsam zu überwinden.

Nehmen Sie die Wähler ernst, die gegen die „Ehe für alle“ sind. Und stimmen sie deshalb für die „Ehe für alle“.

Noch mal: Niemand wird es schlechter gehen. Aber vielen besser. Sie wissen das . Und ich finde, Ihre Wähler haben das Recht, das auch zu tun.

Am Freitag wird Geschichte gemacht. Gönnen Sie Ihren Wählern, dabei zu sein.

Mit freundlichen Grüßen,

Johannes Kram ♦

Vorschaugrafik: Thomas von Klettenberg

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