Patsy l’Amour laLove über Martin Dannecker: Er war schwul, bevor es das Wort in dem Sinne gab.

die Martin Dannecker ist einer der ganz Großen der Homosexuellenbewegung im Nachkriegsdeutschland. Er ist ihr Vordenker und hat sie zusammen mit Rosa von Praunheim losgetreten.

Etwas Heldenverehrung tut unserer Community gut. Jetzt nach der Ehe für alle, in deren Kampf sich die Bewegung in einem jahrelangen Dauerspagat verrenken musste zwischen dem Dazugehören-Wollen und dem Anderssein-Verteidigen ist sie eine willkommene, ja vielleicht eine notwendige Lockerungsübung. Der Blick auf das Lebenswerk von Martin Dannecker zeigt, was uns zugemutet wurde, was wir uns selber zugemutet haben, zumuten mussten, durften, was uns alles in den Knochen steckt, jetzt wo wir aufrecht stehen können keine Übung mehr ist, sondern Gewohnheit.

Aber dieser Blick zeigt auch, dass die Würde eines Menschen nicht davon anhängig ist, ob er in der Mitte der Gesellschaft mitläuft, dass wir für das was wir sind, keine Erlaubnis brauchen, dass wir Anderssein in unseren Geschichten nicht wegdeuten, nicht wegschieben, sondern als etwas begreifen sollten, das uns hilft,  frei und souverän zu sein.

Martin Dannecker hat all des nicht nur gedacht, gefordert und erstritten. Er hat es auch gelebt. „Faszination Sex“ heißt die Ausstellung im Schwulen Museum*, die ab heute zur gemeinsamen Heldenverehrung einlädt, uns freuen zu dürfen, dass es in unserer gemeinsamen Geschichte so jemanden wie Martin Dannecker gegeben hat.

Und gibt!. ♦

„Faszination Sex“ wurde kuratiert von Patsy l’Amour laLove. Zur Ausstellungs-Eröffung habe ich ihr einige Fragen über das  Leben und Wirken von Martin Dannecker gestellt, und darüber, wie sie das zu einer Ausstellung gemacht hat:

Wenn man durch die Ausstellung geht, spürt man die Bewunderung, die Du als Kuratorin für Dannecker hast: Es ist auch eine Hommage. Wie ist Dein Verhältnis zu ihm?

Ja, das Gefühl kommt richtig an, ich bis fasziniert von Danneckers Werk. Das meint sein Auftreten und sein Werk. Seiner Theorie merkt man die Leidenschaft an, er brennt für seine Themen. Und er schreibt sich als Schwuler in seine Texte ein. Als ich vor einigen Jahren begann, mich mit den Polit-Tunten der 1970er Jahre zu beschäftigen, stieß ich auf seine Texte und lernte ihn dann 2011 persönlich kennen. Das ist schon beeindruckend. Darum hat die Ausstellung einen ästhetischen Schwerpunkt, es geht um Dannecker als Person, aber auch als Figur und Erscheinung.

Was muss man beachten, wenn man so eine Ausstellung über eine lebende Person macht? Welchen Einfluss hatte er?

Martin hat sich komplett zurückgehalten und mir keinerlei Vorgaben gemacht. Dagegen hätte ich mich auch verwehrt. Fragen des Respekts und der Achtsamkeit gegenüber der Privatsphäre spielen natürlich eine Rolle. Und auch die andauernde Reflexion darüber, dass eine Ausstellung über jemanden, den man kennt und schätzt, schnell zu idolisierend werden kann. Ich versuche in der Ausstellung damit ironisch umzugehen und mein Anliegen offenzulegen: Man soll sich mit Dannecker beschäftigen, denn sein Werk ist unglaublich wichtig. Interessant war für mich die Erfahrung, dass je länger ich an der Ausstellung arbeitete, desto mehr entfernte sich der Gegenstand der Ausstellung von der Person Martin Dannecker, die ich persönlich kenne. Das hat durchaus Vorteile.

Du hast gesagt, Dannecker war schwul, bevor es das Wort in dem Sinne, also Selbstbezeichnung gab. Wie meinst Du das?

Der Psychoanalytiker und früherer Mitbewohner von Martin, Reimut Reiche, bezeichnet ihn im Interview als Kulturhero. Martin trug einen taillierten glänzenden Lackmantel, Stiefel und eine getönte Sonnenbrille und das Mitte der 1960er Jahre. Er war als Homosexueller zu erkennen und machte daraus nirgens einen Hehl. Das ist, was schwul ab 1971 durch die Schwulenbewegung zu bedeuten begann: Selbstbewusst homosexuell zu sein und damit nach außen zu treten.

Was ist Danneckers wichtigstes Verdienst?

Er ist der wichtigste deutsche Theoretiker zur Homosexualität der Nachkriegszeit, hat die westdeutsche Schwulenbewegung initiiert und die erste große Studie über Schwule veröffentlicht, die nicht pathologisierend war.

Der Satz, nachdem nicht der Homosexuelle pervers ist, sondern die Gesellschaft in der er lebt, ist wohl einer der wichtigsten der deutschen Homosexuellenbewegung, wenn nicht sogar der wichtigste. Viele wissen bis heute nicht, dass dieser Satz von Dannecker stammt und nicht von Rosa von Praunheim. In der Ausstellung hängt ein altes Plakat des gleichnamigen Films. Da fehlt der Name Danneckers. Warum ist das so? Was war Danneckers Anteil an dem Film, der ja immerhin als Auslöser der Bewegung gilt?

Martin Dannecker hat mit seinen Notizen 1969 bereits grob den Text vorgelegt, der in dem Film gesprochen wird. Zum Teil sind ganze Sätze darin nachzulesen. Ich denke, er legte damals keinen großen Wert darauf, namentlich auf dem Plakat zu stehen. Ihm ging es da sehr um die Sache, die Schwulen aus dem Schlaf zu reißen. Seinen namentlichen Ruhm bekam er ja außerdem trotzdem, er wurde schnell zum beliebten Talk-Gast und seine Texte wurden breit rezipiert. Dass er aber der Mit-Urheber des Films ist, werde ich nicht müde, überall zu betonen!

In der AIDS-Krise war Dannecker der wichtigste Gegenspieler des damaligen CSU-Hardliners Peter Gauweilers aus der Community. Sein Konzept gegen HIV und AIDS war die Freiheit Homosexueller und der Kampf gegen die Ausgrenzung. Wie sehr hat dieses Engagement den Kampf gegen HIV und AIDS geprägt? Wie sehr die Entwicklung der deutschen Homosexuellenbewegung?

Er ist während der AIDS-Debatten seiner politischen Haltung aus den 1970er Jahren treu geblieben: Radikal auf der Seite der Subjekte, ihren Wünschen und ihrer Sexualität. Das heißt, einerseits unterstützte er HIV-Positive darin, auf der eigenständigen Sexualität weiterhin zu beharren. Martin rief dazu auf, auch ungeschützten Sex nicht moralisch zu verurteilen, sondern zu verstehen zu versuchen, warum Leute viel und ohne Gummi Sex haben wollen. Das brachte ihn früh zu seiner bis heute beibehaltenen Kritik an den Präventionskampagnen der AIDS-Hilfen. Man sollte aufhören, das Kondom zu erotisieren, so eine zentrale Forderung Danneckers, und stattdessen auf schwule Lust pochen und diese durch Aufklärung ernst nehmen. Oft wird ausschließlich Rita Süßmuth genannt, ich denke auch, weil sie für viele eine Mutterfigur ist. Aber man sollte dabei Vorreiter wie Martin Dannecker, Michael Bochow oder Wolfgang Vorhagen nicht vergessen: Schwule, die in einer höllischen Zeit versuchten, einen kühlen Kopf zu bewahren, sich für AIDS-Kranke und deren Leben einzusetzen und neue Maßstäbe schwuler Solidarität zu setzen.

Bewegst Du Dich auch in seinen Fußstapfen? Kann man sagen, dass Du seine Arbeit auf gewisse Weise weiterführst? Als Theoretikerin? Als Aktivistin? Als öffentliche Figur?

Ich beschäftige mich als Geschlechterforscherin mit der Schwulenbewegung, mit Sexualität und Aktivismus mit psychoanalytischer Theorie, auch mit den Ansätzen Martin Danneckers. Und ich scheue wie Martin die Kontroverse nicht, wenn ich davon überzeugt bin, dass man weiterdenken muss. Da sehe ich Ähnlichkeiten. Was ich auf jeden Fall versuche, ist, seine Theorie und seine politische Haltung weiterhin einzubringen. Wenn mir das mit der Ausstellung ein Stück weit gelingt, ist für mich schon viel damit erreicht!

„Faszination Sex: Der Theoretiker & Aktivist Martin Dannecker“ ist bis zum 28. Februar im Schwulen Museum* Berlin zu sehen. Es gibt es großes, spannendes Rahmenprogramm

Vernissage: 2.11.2017, 19.00 Uhr. Eintritt frei. ♦

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