WELT-Chefredakteur Poschardt zu AKK-Rücktritt: Karnevalswitz zeugte von Anstand und Wertekanon

Der SPD-Politiker Thomas Oppermann hat Annegret Kramp Karrenbauer gestern in der ARD Talkshow „Hart aber Fair“  bescheinigt, eine „anständige“ Politikerin zu sein. Ein sehr beachtliches Urteil für einen Sozialdemokraten angesichts der Tatsache, dass sich AKK vor allem dadurch profiliert hatte, gegen Minderheiten zu treten. Überhaupt ist es merkwürdig, wie sehr in den Reaktionen zum angekündigten Rücktritt der CDU-Parteivorsitzenden, deren angeblich wackerer Einsatz gegen die AfD gelobt wird, wo sie doch gleichzeitig mit aller Kraft versuchte, Diskriminierung und Verächtlichmachung von Minderheiten à la AfD als Teil der bürgerlichen Agenda zu bewahren.

Ist AfD-Agenda nur dann zu verdammen, wenn sie auch von der AfD betrieben wird? Und prima, wenn sie von der CDU oder anderen kommt, weil man somit (angeblich) ja die AfD  kleinhalten kann? Wird der angebliche gemeinsame Kampf der Demokraten gegen die AfD nicht dann zum inhaltsleeren Selbstzweck, wenn dieser von Leuten geführt wird, die die Rhetorik und die politische Logik der Neu-Rechten übernehmen und ihnen somit recht geben? Wenn Menschenrechte zu „Zeitgeist“ erklärt werden und die Anstrengungen gegen Diffamierungen zum elitären Hauptstadtblasenproblem? Wenn denen Mut attestiert wird, die sich trauen, Minderheiten zu diskriminieren, statt denen, die sich dagegen wehren? Ja, wo die Abwertung anderer und die Unbeirrtheit an dieser festzuhalten, als „Anstand und Integrität“ und Ausdruck eines „soliden Wertekanons“ erklärt wird.

Ja, genau das passiert gerade und natürlich passiert es am perfidesten wieder bei Springer. WELT-Chefredakteur Ulf Poschardt schreibt in seinem Kommentar zum AKK-Rücktritt („CDU und AKK-Rückzug / Die Partei des schamlosen Zeitgeist-Surfens“):

Annegret Kramp Karrenbauer hat dieses Ende nicht verdient. Sie will sicher kein Mitleid, aber sie stand für Anstand und Integrität und einen soliden Wertekanon, der nie opportunistisch war. Sie repräsentierte eine aufgeklärte Provinzialität, mit der die Union von Staatsmännern wie Konrad Adenauer und Helmut Kohl gut gefahren ist. Ihr Dialekt, ihr Look aus Püttlingen wird von der opportunistischen Hauptstadtblase belächelt, ihr Auftritt als Putzfrau Gretel wurde geradezu verteufelt, weil er weniger politisch korrekt war als ein Tagesthemen-Kommentar. Es war ihr angenehm egal. Sie hatte einen unbeugsamen Mut. Jetzt muss sie aufgeben. Ihr Poker ist nicht geglückt. Und mit ihrem Abgang wackelt die ganze Partei, deren Umfragen miserabel sind.

Solange es „Konservativen“ bei CDU, Springer und anderswo nicht gelingt, konservative „Werte“  ohne die Forderung zum Arschlochtum  zu definieren, sind sie nicht Teil der Überwindung der AfD-Bedrohung. Sondern Teil der Bedrohung.

Hintergrund:

Die Geschichte des „Karnevalswitzes“ in meiner BILDblog-Kolumne

Danke für Silvio Duwe für den Hinweis

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