Was wirklich schlimm am „Coming In“-Film ist

Noch nachdem ich über die Hälfte des Filmes gesehen hatte, war ich mir ganz sicher, dass ich „Coming In“, die Komödie von Marco Kreutzpaintner, hier in diesem Blog verteidigen würde. Ich wunderte mich über die wütenden Kritiken und konnte mir nicht vorstellen, dass sie in dieser Schärfe angemessen waren. Ich kann mich nicht erinnern, dass ein queerer Film in den Szene-Medien so eindeutigen Verrissen ausgesetzt war.  „Furchtbar“ nannte ihn queer.de, er sei „überplump, ironiefrei und homophob“ und übertreffe „die schlimmsten Befürchtungen“. Die Siegessäule ärgert sich darüber, dass der „ziemlich debile Plot“ noch nicht einmal dass Schlimmste des Filmes sei: „… Es kommt noch dicker: Fast zwei Stunden lang darf man die abgedroschensten Klischees bezüglich Geschlechterdifferenzen und sexueller Identitäten ertragen, ohne das sie auch nur einen Hauch unterminiert würden.“

Ist doch nur ein Film, dachte ich da noch, ich war Mitten drin in der dieser Liebesgeschichte eines Schwulen, der sich in eine Frau verliebt. Ziemlich unrealistisch, klar, aber ist es nicht genau das, was Kino besonders macht, dass dort Dinge passieren, die im wahren Leben eben so meist nicht passieren, und dass wir uns das trotzdem anschauen können, so, als wäre es wahr? Und dass wir lachen können über Dinge, die sonst eben nicht passieren, wenn alles nur realistisch und wahrscheinlich ist? Auch die Kritik an den Klischees konnte ich nicht nachvollziehen. Schliesslich benutzt der Film sie offensiv, ein Klischee ist nur dann billig, wenn es so tut, als wäre es keins.

Nein, das Schlimme an dem Film ist nicht, dass er ein schlechter Film ist. „Coming In“ ist eine gut gemachte romantische Komödie. Die Schauspieler hätten es verdient, dass man diesen Film verteidigt, die Bilder sind toll, die Musik sowieso und den Humor finde ich für eine deutsche Beziehungskomödie völlig okay. Auch gegen die Geschichte ist nichts einzuwenden. Warum soll ein Mann, der sich für schwul hält, sich nicht in eine Frau verlieben?

Und trotzdem ist dieser Film eine queerpolitische Katastrophe. Und gerade dass er so gut erzählt und gut gemacht ist, macht ihn besonders schlimm: Weil er eine eben gut erzählte, gut gemachte Liebesgeschichte dazu nutzt, mit aller Wucht eine reaktionäre Sicht auf die Homo-Bewegung  zu manifestieren.

Spätestens seit dem Coming Out von Thomas Hitzlsperger am Anfang dieses Jahres erleben wir eine neue Spielart der Homophobie, die – angetriggert von den positiven medialen Reaktionen auf das „Bekenntnis“ des Sportlers – das Feindbild der intoleranten Homos zu kultivieren versucht.

Zu den bösartigsten Protagonisten dieser Bewegung gehören sicherlich Männer wie Matussek, Sarrazin und Pirinci. Den Gründungsmythos legte allerdings der FAZ-Redakteur Jasper von Altenbockum wenige Tage, nachdem der Sportler seine sexuelle Identität öffentlich gemacht hatte.  Für ihn war nicht die (im Zuge des Hitzlsperger – Coming Outs kritisierte) Homophobie in Deutschland das Problem, sondern die Tatsache, dass und wie dieses Problem anprangert wurde:

„Es ist eine Form der Diskriminierung, die sich mindestens genau so rechtfertigen sollte, wie das die Politiker oder Geistlichen oder Eltern tun müssen, denen Homophobie unterstellt wird, nur weil sie eine abweichende Meinung haben, etwa über den künftigen Schulunterricht in Baden-Württemberg. Dazu wäre die Schwulen- und Lesben-Lobby aber nur in der Lage, wenn sie erkennen würde, dass es ein Unterschied ist, ob Toleranz verlangt wird oder ob es um die blinde Anerkennung jedweden Interesses geht, das sie als Akt der Gleichberechtigung einfordert

Intolerant ist also nicht der, der andere nicht toleriert. Intolerant ist der, der die Intoleranz der anderen nicht tolerieren möchte. Heute wissen wir, dass diese Lesart der Umkehrung der Kausalitäten dazu beigetragen hat, dass aus Kritik gegen den baden-würtembergischen Bildungsplan eine immer stärker werdende homofeindliche Protestbewegung geworden ist.

Von Altenbockum hatte schon im Januar das Drohszenario vorgegeben:

„Es sollte nicht so weit kommen, dass Mut dazu gehört zu sagen: „Ich bin heterosexuell, und das ist auch gut so.“

Jetzt ist es soweit:

„Die mutigste Liebeskomödie des Jahres?!“

heißt es tatsächlich im Lob der BILD-Zeitung an die Macher von „Coming in“ dafür, dass ein Schwuler sich zur Liebe zu einer Frau bekennt:

„Hollywood-Gigant Roland Emmerich (58, „Independence Day“) und sein Lieblings-Regisseur Marco Kreuz­paintner (37, „Krabat“) wagen eine Komödie auf dem Vulkan der Vorurteile.“

Der „Vulkan der Vorurteile“, und da lässt der Film überhaupt keinen anderen Schluss zu, besteht nicht etwa in der Ignoranz, die Schwulen entgegengebracht wird, sondern aus der, die Schwule gegen andere richten. Die Schwulen wollen unbedingt verhindern, dass einer von ihnen es nicht mehr ist, weil das der Bewegung schadet.

Homos halten also an ihrer sexuellen Identität fest, weil sie ihre Homo-Ideologie nicht aufgeben wollen. Dieses „Schubladendenken“, so lehrt uns der Film, müsse überwunden werden.

Besser hätten es Leute wie Erika Steinbach, Katherina Reiche und Matthias Matussek nicht ausdrücken können. Und selbst wenn sie es könnten: Jetzt müssen sie es nicht mehr … ♦

Weiterführende Links zum Thema:

“Homophobie für alle!” – Ein Volksbildungskurs mit Matthias Matussek

Das Lexikon der Homophobie: „Mut“

Kommentar fuer “Was wirklich schlimm am „Coming In“-Film ist

  1. Lieber Johannes,
    als großer Fan Deines Blogs – und gewöhnlich auch Deiner Ansichten – fühle ich mich gerade erstmals danach, wirklich zu widersprechen.
    Alle Punkte, die Du bezüglich der neuen Kampagnen gegen die – wie Du sie nennst – queerpolitische Bewegung kann ich nur unterschreiben.
    Da hast Du in allem Recht.

    Ich ging in die Pressevorführung zu „Coming In“ mit den negativsten Erwartungen. Nach „Der bewegte Mann“ und „Traumschiff Surprise“ erwartete ich eine Katastrophe.
    Schwule sind asexuell, unmännlich und überhaupt nur Lachmaterial.

    Es ist sehr interessant, wie Du Deinen Artikel beginnst. Du wolltest ihm etwas abgewinnen, ich nicht.
    Deine Conclusio ist: Kann man nicht, meine ist: Kann man!
    Leider kenne ich genügend Homosexuelle, die – rein was Sexualität betrifft – katholischer als der Papst sind.
    Bisxuelle? Ach, die haben sich noch nicht gefunden!
    Heterosexuelle? Gibts da nicht was von Ratiofarm gegen?
    Pan-Sexuelle? Noch nie was von gehört… so ein lächerlicher Studierten-Begriff.

    Ganz ehrlich: Wenn ich mich – gott Bewahre – in eine Frau verlieben würde, dann wäre die Reaktion meiner „in group“ weit krasser und klischee-mäßiger als das, was dieser Film zeigt.

    Es ist eine Komödie. Darin werden Dinge überspitzt. In diesem Fall erzkonservative „Bewegungsschwestern“. Herrlich.
    Sollten nicht gute Komödien auch solche Extreme aufnehmen und karikieren?
    Daraus einen queerpolitischen Super-GAU zu machen, halte ich für etwas arg „persönlich angegriffen“.

    Ich fand die End-botschaft wunderschön: Pan-sexualität. Keinen interessiert es mehr, wer wen liebt.
    Wie wunderbar.
    Das das nicht unbedingt in ein Schwulenpolitisches Programm passt, ist mir klar.
    Aber – und das muss ich an Herrn Kreuzpaintner bewundern – wäre eine Wunschwelt. Und die wird – vorurteilsfrei – gezeigt.

    Ich kam als schwuler Mann aus diesem Film – und fand, dass selten so ausgeglichen Schwule und Heteros durch den Kakao gezogen wurden.
    Ist das nicht auch schon ein Gewinn?

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