Je suis gay.

Das Typische an Terroranschlägen ist, dass sie Menschen treffen, die zur falschen Zeit am falschen Ort sind. In Orlando war das anders. Die Menschen waren am richtigen Ort, sie waren genau da, wo sie sein wollten. Und genau deshalb wurden sie zu Opfern.

Der Anschlag ist, was in Deutschen Medien gerade nicht so richtig verstanden wird, eben nicht „nur“ ein Terroranschlag gegen eine möglichst große Menschenmasse, sondern gleichzeitig auch ein Hass-Verbrechen gegen eine ganz bestimmte Gruppe von Menschen.

Das war bei Charlie Hebdo genauso. Es traf Menschen, die etwas verkörpern, was für freiheitliche Gesellschaften besonders wichtig, und deshalb besonders schützenswert ist. Nach Charlie Hebdo fühlte sich die westliche Welt deshalb dem, was von ihr da angegriffen wurde, besonders verbunden und verpflichtet. Man war Charlie, man war Meinungsfreiheit.

Der Anschlag von Orlando, das wird uns gerade dauernd vorgerechnet, war der zweitgrößte  Terroranschlag in den USA und einer der größten Attentate mit Schußwaffengebrauch.

Aber keiner rechnet nach, der wievielt größte Anschlag das auf LGTBI-Menschen war. Aber das war er vor allem: Ein Anschlag auf LGTBI-Menschen. Und er ist deshalb, und nur deshalb, auch ein Anschlag auf Amerika und die freiheitliche Welt, weil ein Anschlag auf LGTBI (genau wie bei Hebdo)  etwas terrorisiert, was uns allen wichtig sein muss. Und das wir, egal ob homo, bi oder hetero, deshalb alle verteidigen müssen:

Die Freiheit, der zu sein, der wir sein wollen. Die Freiheit, den zu lieben, wen wir lieben.

Wenn die freiheitliche Welt sich in dieser Situation ihrer Freiheitswerte vergewisser möchte, dann muss sie sich auch dazu bekennen:

Je suis gay! ♦

Hier die englische Version des Beitrages

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9 “Kommentare ”

  1. Inspiriert von Deinem gestrigen Facebook-Post hatte ich schon gestern Abend die Frage gestellt (fb.com/1697540683799866), ob es für viele vielleicht zu »verfänglich« wäre, sich das Label »Je Suis Gay« anzuheften? Vielleicht bedeutet die Freiheit, zu sagen, was man denkt, und zu spotten, worüber man mag (Stichwort: Je Suis Böhmermann), vielen doch mehr als die Freiheit anderer, zu lieben wie und wen sie wollen? Vielleicht ist manchen ätzende Satire doch näher als ein Schwulenclub? Vielleicht tragen auch das Bild, das Medien von Schwulen und Lesben zeichnen, und die völlig verfehlte Gleichsetzung der »Szene« mit der Lebenswirklichkeit der meisten LGBTs dazu bei, dass man sich mit dieser Art, zu leben und Freiheiten auszuleben, doch nicht gemein machen will? Freiheit ist nicht nur die Freiheit der Andersdenkenden, sondern auch die der Anderslebenden und -liebenden. Und genau diese Freiheit wurde in Orlando angegriffen. Das scheint nur noch nicht überall angekommen zu sein.

  2. Danke. Ich habe heute Morgen die Tagesschau gefragt, warum das Wort „schwul“ auf ihrer Startseite nicht steht. Bisher keine Antwort.

    Ich habe deinen Artikel ins Englische übersetzt, die Übersetzung steht unten. Wenn ich etwas falsch verstanden habe, würde ich das gerne nachbessern.

    It is typical of terror attacks, that they hit people who were in the wrong place at the wrong time. In Orlando, that was different. The people were at the right place, exactly where they wanted to be. And that was exactly why they became victims.

    The attack, a fact which is not currently completely understood in the German media, is not just „only“ a terror attack against as many people as possible, but at the same time also a hate crime against a specific group.

    The same was the case at Charlie Hebdo. The target was people who embody something that is particularly important for peaceful societies, and therefore is particularly worth defending. Accordingly, after Charlie Hebdo, the western world felt itself particularly connected to, and indebted to, the cause that had been attacked. We were Charlie, we were freedom of expression.

    The Orlando attack, as is being constantly calculated for us, was the second largest terror attack in the USA and one of the largest attacks with firearms.

    But nobody has done the calculations to tell us that it was the how-many-eth largest attack on LGBTI people. And yet it was that above all else: an attack on LGBTI people. And it is therefore, and only therefore, that it is also an attack on America and the free world, because an attack on LGBTI people (exactly the same as the attack on Charlie Hebdo) terrorises something that must be important to all of us. And that we – whether homo, bi or hetero – therefore must defend.

    The freedom to be the person we want to be. The freedom to love who we love.

    If in this situation the free world would like to be more certain of its valued freedom, then is must also acknowledge:

    Je suis gay!

  3. Nur eine Verständnisfrage: Wofür steht BTI?
    Man könnte auch die blutigsten Hate-Massaker in eine Reihe stellen. Je suis Orlando.

  4. Verstehe ich nicht. Haben wir vorher doch auch nicht getan: bestimmte Eigenschaften von bzw. an Individuen hervorzuheben. Im Gegenteil: bei Charlie einte uns der Gedanke an Meinungsfreiheit, bei Paris der Gedanke an unsere demokratischen Grundwerte. Obwohl bei Charlie Hebdo auch eine bestimmte Eigenschaft an Individuen – jüdischen Glaubens – zumindest eine Rolle spielte, wiesen unsere Schilder nicht auf diese Diversivität hin, sondern auf Gemeinsamkeiten.
    Einigen ging dieser Gedanke nicht weit genug, weil in Beirut ein paar Tage später ein noch schrecklicherer Anschlag stattfand, der medial jedoch nicht das gleiche Echo fand. Sie schrieben : Je suis un homme.
    Und so denke ich, dass wir gerade jetzt unsere Diversivitäten betonen sollten, sondern das, was uns eint: Mensch zu sein nämlich.

  5. Es ist an der Zeit, dass sich Politik und religiöse Gemeinschaften egal welcher Couleur aus der Sexualität der Menschen heraushalten. Jegliche Einmischung in diesen privatesten und intimsten Bereich menschlicher Existenz ist ein Ausdruck schlimmsten Totalitarismus und dient der Unterdrückung von Individualität und Kreativität. Es sollte inzwischen auch in Amerika bekannt sein, dass oft die schlimmsten Schwulen- und Lesbenhasser uneingestanden selbst dazu gehören. Also töten sie in den anderen die an sich selbst verurteilten Neigungen. Genau das scheint mir im Fall dieses letzten Attentats der Fall zu sein.

  6. Charlie Hebdo ist eine Satierezeitschrift und wie Du so schon geschrieben hast stand der Anschlag auf die Menschen damals auch für den Angriff auf Meinungsfreiheit. Trotzdem hieß es damals nicht „Ich bin Satiriker“ oder „Ich bin für freie Meinung“, sondern man hat den Namen der Zeitung auf die der Angriff erfolgte genommen um seine Solidarität auszudrücken.
    Jetzt erfolgte ein Anschlag auf das Pulse und das war ohne Frage auch ein Angriff ganz besonders auf uns LBGTIQP. Trotzdem denke ich nicht, dass es „Je suis gay“ heißen muss, sondern, wenn Du es schon mit damals vergleichen willst, müsste es „Ich bin Pulse“ heißen. Was auch z.B. auf dem Schild steht, dass z.B. der Bürgermeister von Los Angeles bei einer Schweigeminute in der Hand hielt. Genau wie auch einige andere, auch an anderen Orten.
    Auch ich finde, dass der LBGTIQP-Aspekt dieses Anschlags vielfach wohl leider aus Berührungsängsten heraus umgangen wird. Und ich finde auch, dass etwas mehr Solidarität a la „I am pulse“ geben sollte und der internationale Aufschrei bei diesem ANschlag viel zu gering war. Aber deswegen finde ich trotzdem, dass Du in Deiner Argumentation Äpfel (Wortwahl: Charlie) mit Birnen (Wortwahl: gay) vergleichst.
    Vermutlich geht das jetzt an dem eigentlichen Beweggrund Deines Beitrags vorbei und klingt ein bißchen wortklauberisch, aber irgendwie ging mir das nicht mehr aus dem Kopf, nachdem ich einige Bilder mit „I am pulse“ oder ähnlichem gesehen hatte. Ja, ich weiß, einige Bilder machen noch keine Bewegung. 🙁

  7. Pingback: Analyse: Fehlt es an Sensibilität gegenüber Schwulen? - Dortmund24

  8. Pingback: Leichtigkeit – der zaunfink

  9. Bin ganz Deiner Meinung – deshalb habe ich auf fb als Profilbild „Nous sommes Orlando“ mit Regenborgen-Eiffelturm im Hintergrund gewaehlt, in der leisen Hoffnung, dass das von manchen der vielen (Hetero-) Menschen in meinem Bekannten- und FreundInnenkreis, die nach den Anschlaegen in Paris mit dem Profilbild einen Bezug gemacht haben, uebernommen wird – ist aber nicht passiert.
    Ich habe auch den Eindruck, dass die Meldungen, wonach der Attentaeter womoeglich selber schwul war, bei vielen noch mehr Abstand zu dem Thema bewirkt hat.

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