Die Verschwörung der Opernschwulen: Die FAS und die Kunst der gediegenen Homohetze

Nein, FAZ und FAS sind keine durch und durch homophoben Medien. Und doch verdienen sie einen Sonderpreis innerhalb des seit seit einigen Jahren boomenden „Ich hab ja nichts gegen Homosexuelle, aber“-Journalismus: Den für die hohe Kunst der gediegenen Homohetzerei.

Immer wieder gelingt es ihnen, üble Homo-Ressentiments so kunstvoll mit edlen Schreibgirlanden  aufzuhübschen, dass sie auch von ihrer erlesenen Leserschaft antizipiert werden können. Der Aufgabe, Homophobie für die gebildeten Kreise so aufzubereiten, dass diese sich mit ihr identifizieren und gleichzeitig von ihr distanzieren können, hat diesmal die bekennend heterosexuelle Opernkritikerin Eleonore Büning übernommen.

Ihrem Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung hat sie die Frage vorangestellt, was denn „Homosexuelle an der Oper so toll“ finden. Doch dafür interessiert sie sich in Wirklichkeit gar nicht, denn dazu sei alles gesagt:

„Das Thema ist durch.“

Warum sie aber all das, worüber es nichts zu sagen gibt, dennoch sagt, ja warum sie den ganzen Artikel überhaupt geschrieben hat, in dem sie ein vermeintlich wohlmeinendes – weil vermeintlich homofreundliches – Klischee an das andere reiht (sie unterscheidet gar zwischen homosexuell und heterosexuell „begabten“ Mitmenschen“) zeigt sich erst im letzten Absatz.

Einem Absatz, von dem sie wahrscheinlich denkt, dass er gar nicht so böse verstanden werden kann, weil ja vorher – also vor dem „aber“ – so vieles steht, was sie nicht gegen Schwule zu haben gedenkt.

Doch der letzte Akt, die eigentliche Botschaft ihres Artikels, ist böser, homophober, wie er nicht sein kann. Und er ähnelt (wie nicht zum ersten mal in FAZ/FAS) einer vom Antisemitismus her bekannten Argumentationslogik. Hier ist es die der unheilvollen Macht einer sich verschwörenden Minderheit, die sie operettenhaft – damit es nicht ganz so arg klingt –  „homosexuelle Vetterleswirtschaften“ nennt, ihr aber gleichzeitig übelste Arglist unterstellt:

„Und ganz übel ist es, dass die Sopranistin Tamar Iveri die Desdemona am Opernhaus in Sydney nicht singen durfte, wegen einer angeblich homophoben Bemerkung, die auf ihrer Facebookseite gepostet wurde, und das nicht mal von ihr selbst.“

Alles an dieser Argumentation besitzt den bemerkenswerten Grad von Desinformation und Täter-Opfer-Umkehrung, wie wir das von FAZ und FAS bei LGBTI-Themen kennen, beispielsweise beim Wettern gegen die sexuelle Vielfalt in den Bildungsplänen. (Zur Auffrischung kann ich nur immer wieder Alexander von Beymes Blogbeitrag „Unter dem Deckmantel des Journalismus“ empfehlen).

Anders als Eleonore Büning behauptet, handelt es bei dem von ihr erwähnten Facebook-Post eben nicht um eine „angeblich homophobe Bemerkung“, sondern einer so eindeutigen, dass sie auch einer FAS-Journalistin auffallen sollte.

Spiegel Online schrieb damals (Juni 2014) zu den Hintergründen der Geschehnisse in Sydney:

„In Georgiens Hauptstadt Tiflis zogen Aktivisten am Wochenende bei einer ‚Gay Pride‘-Parade durch die Straßen. Auf der Facebook-Seite der georgischen Sopranistin Tamar Iveri wurde dazu eine eindeutige Meinung verbreitet:

‚Ich war stolz darauf, wie die georgische Gesellschaft auf die Parade gespuckt hat … Bitte stoppt die Versuche, mit Propagandamitteln westliche ‚Fäkalmassen‘ in die Mentalität der Menschen zu bringen.‘ „

Dem Spiegel Online Artikel ist weiter zu entnehmen, dass auch Bünings-Behauptung, die Sängerin hätte aufgrund dieses Posts nicht singen dürfen, nicht so ganz stimmt. Zumindest hat sie selbst nach der enormen Kritik (nicht nur durch die Oper in Sydney ) erklärt, „von der Rolle zurückzutreten, um den Erfolg der Produktion nicht zu gefährden.“

Ebenfalls mindestens irreführend ist Bünings Aussage, dass dieser Post „nicht mal von ihr selbst“ geschrieben sei, was zwar teilweise stimmen mag (die Sängerin behauptet, ihr Mann hätte ihren Ursprungspost verändert) aber nichts daran ändert, dass er auf ihrem Profil gestanden hat und dort offensichtlich erst nach mehreren Tausend kritischen Kommentaren gelöscht wurde. Und dann auch noch mit dem „durchschaubaren“ (Spiegel Online) Erklärungsversuch, ihr Mann sei „zutiefst religiös“, und sie selbst sei „schockiert und traurig über Medienberichte, die mich als homosexuellenfeindlich bezeichnen“.

Doch selbst, wenn sich das Opernhaus in Sydney von der Sopranistin getrennt hat, was wäre so „ganz übel“ daran?

Findet Frau Büning auch, dass es „übel“ ist, sich von einer Künstlerin zu distanzieren, die sich rassistisch oder antisemitisch zitieren lässt?  Und: Was spielt es für eine Rolle, dass die Entscheider in der Oper offensichtlich schwul waren? Was ist – rein inhaltlich – „vetterleswirtschaftlich“ daran? Müssten nicht heterosexuelle Verantwortliche bei solchen Aussagen genauso handeln?

Und, mal rein organisatorisisch: Wie stellt sich Frau Büning diese vetterwirtschaftlich organisierte Homolobby vor: Bedarf es wirklich einer Konspiration um zu erkennen, was nicht akzeptabel ist?

Nur weil FAS-AutorInnen wie Frau Büning das nicht können? ♦

Nachtrag (23.05.2017):

Ich habe den Chef des FAS-Feuilletons Claudius Seidl  gefragt, ob er auch der Meinung ist, dass eine Ausage, die Homosexuellen als „Fäkalmasse“ bezeichnet nur „angeblich“ homophob ist. Über seine Antwort, beziehungsweise Nicht-antwort habe ich in meiner BILDblog-Kolumne geschrieben:

Claudius Seidl möchte nicht über die Homophobie in der „FAS“ diskutieren

Der „FAS“-Artikel von Eleonore Büning und dieser Blogbeitrag ist einer der Anlässe für die Podiumsdiskussion „Die Verschwörung der Opernschwulen“ im Schwulen Museum* am 25. Mai in Berlin, bei ich mit  „Welt“-Opernkritiker Manuel Brug und „Zeit“-Opernkritikerin Christine Lemke-Matwey über Homophobie im Kulturbetrieb debattiere.

Donnerstag, 25.05.2017

18:30 – 20:30 Uhr
Schwules Museum*

Lützowstraße 73  – 10785 Berlin

Hier eine Veranstlungshinweis dazu auf queer.de

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6 “Kommentare ”

  1. Schon unglaublich, was Madame Büning sich da geleistet hat! Peinlich für sie.

  2. naja wenn man so aussieht wundert einen gestandenen homosexuellen ja auch nichts…. sie ist frustriert und bissig, war sie immer schon. aber nun im alter überkommt sie der frust – kann man ja auch verstehen. und sie ist extrem unbeliebt in der branche. eben!

  3. Vermutlich ist in Zeile 5 „rezipirt“ und nicht „antizipiert“ gemeint. Ansonsten: Verdienst older Artikel.

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