Kein Witz: Dieter Nuhr möchte die Debattenkultur retten

Kabarettist Dieter Nuhr hat sich mit seinem Spott über Greta Thunberg viele Feinde gemacht. Das ficht ihn kaum an, sagt er im Interview – der Verfall der Debattenkultur aber schon.

behauptet die „Rheinische Post“ in der Einleitung eines Interviews, das sie mit dem Kabarettisten geführt hat. Im Interview selbst erklärt dieser dann :

Die sozialen Medien haben dazu geführt, dass sich der Ton verändert hat. Argumente zählen kaum noch, es geht in den meisten Fällen nur noch um Reizworte und Symbolbegriffe, es wird verdreht, beschimpft, bedroht. Das Abwägen ist weitgehend dem Affekt gewichen. Der Andersdenkende wird nicht mehr respektiert, sondern als Feind betrachtet.

Das Interview hat einen seltsamen Beigeschmack, weil Dieter Nuhr hier unwidersprochen den Eindruck erwecken darf, er hätte mit dem, was er da beschreibt, nichts zu tun. Dabei ist es ja gerade Nuhr, der mit seiner Aggressivität verbunden mit seiner enormen Social-Media-Reichweite genau die Debattenkultur vergiftet, die er hier vorgibt, retten zu wollen. Und das in einer bemerkenswerten Perfidie.

Ja, es ist albern, hier das so Offensichtliche noch beweisen zu wollen. Allerdings zeigt die Naivität, mit der Nuhr von der Rheinischen Post befragt wird, und die kritiklose Weiterverbreitung seiner Selbstbezeugungen, dass man leider doch noch darauf hinweisen muss. Beispielsweise anhand eines seiner Tweets, dessen Kontext ich ganz gut beurteilen kann, weil ich selbst ein Teil davon bin. Kurz zum Hintergrund:

Anlässlich der Verleihung der Kompassnadel beim diesjährigen Kölner CSD-Empfang im Juli dieses Jahres hatte ich dem Kölner Stadtanzeiger ein Interview gegeben, in dem es (wie schon bei anderen Interviews) auch um Dieter Nuhrs homosexuellenfeindliche Witze ging:

Frage:

( … ) Abgesehen von derart krassen Fällen der Diskriminierung: In ihrem Buch und ihrem Blog greifen sie viele Beispiele für eine, wie sie sie nennen, „neue Homophobie“ auf, die sich als homosexuellenfreundlich tarnt. Wie ist das zu verstehen?

Meine Antwort:

Ein Beispiel ist für mich Dieter Nuhr. Seine homosexuellenfeindlichen Witze sind schlimm, aber schlimmer ist, wie er das Ganze verpackt: Man dürfe ja gar nichts mehr sagen, und jeder sei heute direkt beleidigt. Dabei stimmt das Gegenteil, es ist heute viel selbstverständlicher geworden, andere abzuwerten, und Leute wie Nuhr haben daran einen entscheidenden Anteil, auch weil sie sich dabei selbst als Opfer gerieren. Als ich Nuhr in meinem Buch seine Witze gegen Homosexuelle vorgehalten habe, hat er von absurden Vorwürfen gesprochen und meinte tatsächlich, er könne ja gar nicht homophob sein, weil er für die Ehe für alle ist.

Und wie reagiert Dieter Nuhr darauf? Der Retter der deutschen Debattenkultur?

So:

(Gestern mit meiner gay Community im #riva viel gelacht über den Vorwurf eines Gestörten im Kölner Stadtanzeigers, ich sei „homophob“. Bei manchem Käseblatt fehlt offenbar indessen das Geld zu Recherche. #journalismusinderkrise)

Nun ja, ein Dieter-Nuhr-Tweet eben, wenn auch ein krasser. Und ja: Es ist auch albern, da jetzt im Einzelnen darauf einzugehen. Da aber dieser Täter-machen-sich-zu-Opfer-Trick nicht totzukriegen ist und sowohl die Debatte um Homophobie in den Medien als auch die über unsere Debattenkultur offensichtlich verlangt, längst Geklärtes immer wieder erneut klarstellen zu müssen -, und da Nuhrs Interview mit der alarmistischen Formel: „Wehret den Anfängen!“ endet: Nehmen wir Dieter Nuhr also ernst! Nehmen wir zur Analyse dieses Tweets doch einfach mal die Kriterien zur Hilfe, mit denen Nuhr selbst seine Kritik an der Debattenkultur festmacht:

1.: „Argumente zählen kaum noch“:

Ja, es hätte mich sehr gefreut, wenn Nuhr in seiner Reaktion auf meine Aussagen auf eines der dort aufgeführten Argumente eingegangen wäre.

2.: „es geht in den meisten Fällen nur noch um Reizworte und Symbolbegriffe“

Ja, er ist es, der hier seiner Twittergemeinde einen „Gestörten“ zum Fraß vorwirft.

3.: „es wird verdreht“

Nirgendwo habe ich behauptet, dass Dieter Nuhr homophob „sei“. Ich habe erläutert, dass auch Menschen homophobe Aussagen und Witze machen können, die sich nicht als homophob empfinden. Indem Nuhr mich zum „Gestörten“ macht, weil ich ihn trotz seiner „gay“ Freunde angeblich als homophob bezeichne, verdreht er meine Aussage über ihn exakt um 180 Grad.

4.: „es wird beschimpft“

Das muss man als öffentlich-rechtlicher Kabarettist schon mal bringen: Eine ganze Tageszeitung ein „Käseblatt“ nennen, nur weil es in einem Beitrag jemanden zu Wort kommen lässt, der ihn kritisiert.

5.: „Das Abwägen ist weitgehend dem Affekt gewichen.“

„Bei manchem Käseblatt fehlt offenbar indessen das Geld zu Recherche.“ Nur für den Effekt erweckt Nuhr in seinem Tweet den Eindruck, der Stadtanzeiger würde Behauptungen über ihn aufstellen. Wäre ihm Debattenkultur irgendetwas wert, würde er hier zumindest klarstellen, dass diese Zeitung nur jemanden in einem Interview zu Wort kommen lässt, der diese Behauptungen aufstellt.

6.: „Der Andersdenkende wird nicht mehr respektiert, sondern als Feind betrachtet.“

Nuhr greift in seinem Tweet nicht nur mich an und die Zeitung, die mich als Andersenkenden zu Wort kommen lässt. Sein Hashtag #journalismusinderkrise lässt vermuten, dass er schon das Prinzip des Andersdenkens an sich als ein Zeichen des Verfalls betrachtet.

Dieter Nuhr ist nicht der Einzige, der Debatten just an den Stellen in Gefahr sieht, wo seiner Meinung widersprochen wird. Wenn er doch wenigstens die Eier hätte, unter dem Hashtag #Lügenpresse zu twittern!


Hier meine Dieter-Nuhr-Kritik im Blog vom 8. April 2014, die ich in meinem 2018 erschienenem Buch wiederholt habe, und die dann zu unterschiedlichen Reaktionen (u.a. im SPIEGEL und der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG ) geführt hatte:

Schwulenwitze im „Satiregipfel“: Ist Dieter Nuhr nur ein großes Missverständis?

Übersicht: Hier alle Blogbeiträge zu

Homophobie in den Medien


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, 2019, Medien, Print, TV