Mixa und das Monopol

Eine alte Coming Out Weisheit lautet, daß diejenigen, die sich am auffälligsten in die Hetero-Ecke stellen, selber schwul sind. Jörg Haider, der während seiner Todesfahrt mit seinem „Lebensmenschen“, SMSte, der US-Senator und Homoehen-Gegner Larry Craig, der auf einer Flughafentoilette Klappensex suchte und der Augsburger Bischhof Mixa, der offensichtlich einen Spaß an Saunagängen mit jungen Priesterseminaristen hatte, sind nur besonders skurrile Beispiele der letzten Jahre.

Bei Mixa scheint es aber neben schwulem Selbsthass und der Angst, geoutet zu werden, noch eine weitere Motivation für seine homophoben Ausfälle gegeben zu haben.

Schwule sind in der Katholischen Kirche keine Ausnahme sondern ein Teil der Regel. Die katholische Kirche hat nicht trotz sondern auch wegen ihrer Schwulen überlebt. Sie hat einen jahrhundertelang gültigen unausgesprochenen Pakt begründet, eine Lebensform, in der Männer Männer lieben können ohne absonderlich zu sein. Sie hat, ähnlich wie Fluggesellschaften, oder die Unternehmen der Beauty- und Stylingbranche, ein Berufsprofil geschaffen, das viele Schwule für maßgeschneidert hielten. Und sie hat einen Status ermöglicht, der Heteros vor den Schwulen und die Schwulen vor dem Hetero-Sein-Müssen bewahrt hat. In Frank Wedekinds Frühlings Erwachen von 1891 lieben sich Ernst und Hänschen und hadern mit ihren Zukunftsaussichten. Für Ernst scheint einzig die Vorstellung, einmal Pfarrer werden zu können, eine tröstliche Perspektive: „Kannst Du Dir etwas Schöneres denken?“

Nicht nur die Sixtinische Kapelle zeigt, daß nicht nur die Kirche und die Schwulen von diesem Pakt profitiert haben. Gerade auf dem Dorf war die Kirche für Familien mit den etwas anderen Söhnen nicht nur Problem sondern auch Lösung. Für die Kirche waren diese Söhne ein Glück und sie sind es heute noch. So versuchte Mixa den Vatikan mit einer überdurchschnittlichen hohen Anzahl von Priesterweihen in seinem Bistum zu beeindrucken und griff dafür offensichtlich gezielt auf schwule Priesterseminaristen zurück.

Schwule sind Teil der katholischen Struktur und vielleicht erklärt das auch, daß gerade Leute wie Mixa besonders panisch reagieren, wenn darüber diskutiert wird, ob nicht auch Frauen Priesterinnen werden können sollten.

Auch wenn es absurd klingt, aber gerade indem Mixa gegen Schwule hetzt, versucht er genau diese Struktur zu retten. Jahrhundertelang hat die Katholische Kirche quasi ein Monopol für geregelte schwule Lebensweisen besessen. Seit der schwulen Emanzipation stürzt dieses Monopol ein. Ernst kann sich heute eben doch etwas schöneres vorstellen, als Priester zu werden. Er kann mit seiner Liebe glücklich werden. Dies kann aus innerkirchlicher Sicht nicht im Interesse der Amtskirche sein. Die Kirche fühlt sich an einem wunden Punkt getroffen, und durch diese ganzen offenen Schwulen provoziert. Schließlich hat sie doch die Lösung gefunden, wie man mit seinen Neigungen gut leben kann. Warum müssen die Schwulen und diese blöde Sexuelle Revolution da draußen das alles kaputt machen? Wenn man sich Mixas Äußerungen über Schwule mal genauer anguckt, fällt auf, daß er es (im Gegensatz zum Kölner Kardinal Meisner) weniger auf die Homosexuellen sondern die homosexuellen Lebensweisen abgesehen hatte.

Er selbst wird sich seine Lebensweise im Sinne der kirchlichen Sexualmoral schön geredet haben. Mit einer verschwommenen Tiefenschärfe klappt das nicht nur für Klaps und Prügel, sondern auch für Sauna und Sex.

Mixa ist 1941 in eine Zeit hinein geboren worden, die näher an der Wedekinds liegt als an unserer heutigen. Es war schwerer und schmerzlicher, ein gesundes Selbstbewusstsein zu erlangen, das einen natürlichen Umgang mit der eigenen Homesexualität ermöglicht.

Mixa ist wahrscheinlich Täter. Ganz sicher ist er aber Opfer. Ein Opfer einer sich Moral nennenden Verachtung und Diskriminierung. Wie so viele Missbrauchsopfer versuchte Mixa das System, das ihn missbrauchte mit allen Mitteln zu erhalten. Das hat weh getan. Nicht nur ihm.

Im Keller von Welt.de

“Braucht Berlin eine weitere Kampagne?” fragte Chefaufreger Gunnar Schupelius in der BZ vor einer guten Woche und meinte damit die “Kampagne für sexuelle Vielfalt” des Berliner Senats, mit der dieser “Vorurteile gegenüber Lesben, Schwulen, bi-, trans- und intergeschlechtlichen Personen“ abbauen möchte.
Wie sich Schnupelius die selbst gestellte Frage beantwortet hat, brauche ich glaube ich nicht auszuführen. Aber auf die Begründung sollte man doch nochmal hinweisen:


“Die Toleranz eine hat gute Tradition in dieser Stadt. Darauf sind wir stolz. Hier kann jeder tun und lassen, was er will, ausgenommen vielleicht in einigen muslimisch dominierten Kiezen. Wir Berliner brauchen wirklich keinen Toleranz-Unterricht von Herrn Wowereit und seinen Kollegen.”

Auf Welt.de, einem Medium, das wie die BZ im Spinger Verlag erscheint (und das in Berlin auch ausserhalb der “muslemisch dominierten Kieze” gelesen wird), wurde heute ein Artikel über Klaus Wowereit veröffentlicht, indem dieser scharf kritisiert wird. Dem Regierenden Bürgermeister von Berlin wird u.a. vorgeworfen, “gelangweilt” und den Problemen seiner Stadt gegenüber gleichgültig zu sein.

Spanndender als der Artikel selbst sind die Leser-Kommentare, die sich darunter sammeln. Es ist keine allzu große Überraschung, dass die Stimmung dort für Wowereit nicht besonders gut ist. Aber das Ausmaß und die Art der Verachtung sind doch auch für welt.de-Niveau (sic!) etwas derb.

Ich habe mir mal die ersten ersten dreißig Leserkommentare vorgenommen, um sie in die Kategorien “positiv” (gegenüber Wowereit), “negativ” und “neutral” zu unterteilen. Das Ergebis ist ziemlich eindeutig: Kein einziger Kommentar war positiv, zwei Kommentare habe ich nicht verstanden und deshalb in dubio unter “neutral” verbucht, der Rest (also fast alles) war negativ, wobei das Wort “negativ” in diesem Zusammenhang schon etwas euphemistisch ist.

Aber nicht nur der Grad der Ablehnung ist eindeutig, auch die Tatsache, dass sich fast alle Kommentarschreiber bemüht haben, ihre größtmögliche persönliche Abneigung gegen Wowereit zum Ausdruck zu bringen, ist schon etwas spooky.

Nun könnte man natürlich hoffen, dass das alles gar nichts mit der Tatsache zu tun hat, dass Wowereit schwul ist. Und man könnte hoffen, dass Herr Schnupelius recht hat, und das mit der “Toleranz-Tradition” in der Stadt nicht nur stimmt, sondern sogar für die kommentierenden Leser der Springerpresse zutreffen möge (oder doch zumindest für den Teil, der sich für deren Qualitätspresse interessiert). Ja, das könnte man. Aber es ist nicht so.

Von den insgesamt 30 Kommentaren sind neun mit eindeutiger homo-sexistischer Schlagrichtung, also jeder Dritte Kommentar muss seine Kritik an Wowereit damit in Verbindung bringen, dass dieser schwul ist.

Hier einige Kostproben:

er soll sich um den arsch seines freundes kümmern,vielleicht nicht so langweilig.”

“Der interessiert sich im Moment mehr für die Jungs statt für die Politik.”

“Da wird es doch sicher einen neuen hippigen Darkroom geben.”

“Da hilft nur “kalt duschen”!”

“Ich kann das Diva-Tucken-Gehabe in Berlin echt nicht mehr sehen.”

Wie gesagt, das sind keine krassen Ausrutscher, sondern so oder so ähnlich ist jeder dritte Kommentar. Nicht mitgezählt habe ich die Beiträge, die sich nicht offen als homophob zu erkennen geben. (Die Feindseligkeiten und Andeutungen dieser Beiträge lassen jedoch auch nur in den wenigsten Fällen vermuten, dass es deren Verfassern möglich ist, eine Position gegenüber Wowereit einzunehmen, in denen seine sexuelle Orientierung keine Rolle spielt.)

Mitzählen konnte ich auch nicht die Beiträge, die welt.de wohlweislich schon gelöscht hat. Denn immerhin verbietet die welt.de-Nettiquette Obszönitäten sowie den “Gebrauch vulgärer, missbräuchlicher oder haßerfüllter Sprache“. Da sich die oben zitierten Kommentare trotzdem auf der Seite halten, darf vermutet werrden, dass diese als harmlos betrachtet wurden. Man möchte sich nicht vorstellen, von welchem Kaliber bereits gelöschte Kommentare waren und welchen Einfluss sie auf meinen Homophobie-Quotienten genommen hätten.

Bleibt zu hoffen, dass welt.de nur eine Veranstaltung für die wirklich aussichtslosen Fälle ist. Alles andere wäre wirklich besorgniserregend.

Zivilcourage

Was wäre das, wenn in einer deutschen Tageszeitung jemand in einer allgemeinen Aussage über muslimische Jugentliche behaupten würde, diese würden aus Hass Schwule verprügeln? Eine gefährliche Verallgemeinerung? Der Hinweis auf ein ernstes Problem?
Für den Tagesspiel jedenfalls ist es….. raten Sie mal….Sie kommen nicht drauf? Ist ja auch wirklich schwer. Also: Für den Tagesspiegel läuft das unter ZIVILCOURAGE. Ist wirklich wahr! Zwar nicht in dem Sinne, dass man Zivilcourage hat, wenn man Schwule verprügelt, aber doch immerhin so, dass das Verprügeln von Schwulen der Zivilcouragiertheit keinen Abbruch tut, ja – mehr noch – sogar ein besonderes Merkmal von Leuten ist, die Zivilcourage zeigen.

“Zivilcourage” heisst ein Film mit Götz George, den die ARD gestern ausgestahlt hat, und bei dem muslimische Jugendliche in Kreuzberg offensichtlich nicht so gut wegkamen. Der Tagesspiegel bemüht sich in seiner heutigen Ausgabe dieses Bild zu relativieren, was ja erstmal ne gute Sache wäre, wenn… aber lesen sie selbst, wie schön der Tagesspiegel Zivilcourage beschreibt in dem er eine Kiezexpertin als Kronzeugin zitiert:


„Muslimische Jugendliche ziehen Klamotten oder Handys ab. Sie verprügeln aus Hass Schwule, aber Obdachlose überfallen sie nicht.“ Im Gegenteil, die bekämen eher was geschenkt. Im Islam gilt Almosenpflicht. Und das Stichwort Zivilcourage? Um die stehe es im Kiez gut, sagt Treziak, die seit 30 Jahren hier lebt. „Wenn man auf der Straße nach Hilfe ruft, kommt garantiert jemand.“

Ach, was ein schönes Idyll. Irgendwie fies von diesen Schwulen, es so zu stören.

Der Dialog

Heute abend soll in der Kulturbrauerei ein Konzert von Sizzla stattfinden, ein Künstler, der so offen zur Gewalt gegen Schwule aufruft, dass in den letzten Monaten gleich zwei Alben von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert wurden.

„Die Interpreten rufen dazu auf, homosexuelle Menschen zu töten, sie abzufackeln, zu verbrennen und sie mit Schwefel zu übergießen“

hieß es in der Begründung.

Für 18.30 Uhr ist eine Demonstration gegen das Konzert geplant, die zum Veranstaltungsort, dem Kesselhaus, führen soll.

In diesem Blog geht es nicht darum, Menschen, die sagen, dass sie Schwule hassen, zu sagen, dass das doof ist.

In diesem Blog geht es um die Menschen, die sagen, sie würden keine Schwulen hassen ( ja, dass sie sogar “gar nichts gegen sie” haben) , aber alles oder zumindest vieles dafür tun, dass dies weiter geschieht.
Warum auch immer.

Im Fall des Kesselhauses, also des Veranstalters, bin ich mir wirklich nicht sicher. Man möchte auf Dummheit hoffen, vielleicht ist es Gleichgültigkeit. Auf jeden Fall ist es dreist.

Das Kesselhaus rechtfertigt den Auftritt mit einer schriftlichen Erklärung, die tatsächlich die Überschrift “Dialog fortführen” trägt und es somit schafft, Gewalt und ihre Androhung als Meinungsaustausch zu definieren.

Der der mich totschlagen will, formuliert nach dieser euphemistischen Lesart nicht eine Strafttat, sondern eine These. Und die Tatsache, dass ich gerne nicht totgeschlagen werden möchte, ist auch nur eine These, eine die ich gerne in diesen Dialog einbrigen darf. Danke liebes Kessehaus! Und selbst wenn man mal für ein paar Minuten tatsächlich den Gedanken zuläßt, dass man über Morddrohungen diskutieren sollte, wie bitte soll diese Diskussion aussehen?

Nein, dies ist leider keine theoretische Frage, das Kesselhaus meint es ernst:


Die homophobe Haltung des Künstlers hat seine Ursache in den gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenhängen, in denen der Künstler lebt. Diese müssen nachhaltig geändert werden. Die eigenen Erfolge unserer Kultur – Abschaffung des Gesetzes gegen Homosexualität in Deutschland – könnten und sollten dabei Motor sein.

Hallo??? Wir reden hier nicht von einem Stammtischbruder, der sich über die warmen Brüder das Maul zerreisst, die Strassenseite wechselt oder die Diskussionsforen von WELT-Online zumüllt. Wir reden über jemand, der in seinen Reden und Liedern zu Gewalt aufruft.
Dass er diese Reden und Lieder nicht zurückgenommen hat, finden die Veranstalter vom Kesselhaus nicht schlimm. Ihnen reicht es, dass sie am Konzertabend nicht wiederholt werden sollen.

Ja, ich würde gerne über “gesellschaftliche und kulturellen Zusammenhänge” diskutieren und dazu beitragen sie zu ändern. Aber, dass ich Schwul bin und deswegen weder bedroht noch gedemütigt werden möchte, ist etwas, über das ich nicht verhandeln möchte und etwas, von dem ich auch nicht möchte, dass jemand anderes darüber verhandelt.

Für einen Dialog braucht man eine Haltung. Falls das Kesselhauses eine hat, ist sie unter aller Sau. Oder, um es mit den Worten des Kesselhauses zu sagen:


Um den Dialog fortzuführen und um den Prozess weiter voran zu treiben, werden wir das Konzert bis auf Weiteres nicht absagen.

Nachtrag:
Soeben wurde das Konzert
abgesagt